Bundeskanzlerwahl

[Wahlrechtslexikon]

Bundestagswahl 2013: ► Endgültiges Wahlergebnis und Sitzverteilung • Wahlsystem • Übersicht zur Bundestagswahl

Wahl des deutschen Bundeskanzlers – Kanzlerwahl

Ablauf der Wahl im Deutschen Bundestag

Der Bundeskanzler wird gemäß Artikel 63 des Grundgesetzes (GG) vom Bundestag gewählt.

  1. Im ersten Wahlgang schlägt der Bundespräsident einen Kandidaten vor. Rechtlich steht es dem Bundespräsidenten dabei frei, wen er vorschlägt (in der Praxis schlug der Bundespräsident immer den Kandidaten der koalierenden Fraktionen bzw. Gruppen vor). Wird dieser mit der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages (d. h., mehr als der Hälfte der Mitglieder – Kanzlermehrheit) gewählt, so muss der Bundespräsident ihn zum Bundeskanzler ernennen.

    Bisher folgte der Bundestag immer dem Vorschlag des Bundespräsidenten.
     
  2. Ist der erste Wahlgang erfolglos, so hat der Bundestag 14 Tage Zeit einen Bundeskanzler wählen, ohne dass ein Vorschlag des Bundespräsidenten erforderlich ist. Das Vorschlagsrecht des Bundespräsidenten für den ersten Wahlgang verleiht damit nur formale Macht. Innerhalb der 14 Tage können beliebig viele Wahlgänge stattfinden (oder keiner). Auch hier ist gewählt, wer die absolute Mehrheit bekommt.
     
  3. Kommt keine erfolgreiche Wahl innerhalb der 14-Tage-Frist zustande, so findet unverzüglich ein neuer Wahlgang statt, in dem gewählt ist, wer die meisten Stimmen erhält relative Mehrheit).

    • Erfolgt die Wahl mit Kanzlermehrheit, so muss der Bundespräsidenten ihn zum Bundeskanzler ernennen.
    • Erfolgte die Wahl aber nur mit relativer Mehrheit, so hat der Bundespräsident die Wahl, ob er den Gewählten zum Bundeskanzler ernennt oder den Bundestag auflöst.

Das heißt aber auch, die häufig gehörte Behauptung „ab dem dritten Wahlgang reiche die einfache Mehrheit“ stimmt so nicht. Nach der ersten erfoglosen Wahl nach Art. 63 Abs. 1 GG können innerhalb von 14 Tagen beliebig viele Wahlgänge (oder auch keiner) nach Art. 63 Abs. 3 GG stattfinden, bei der dann jeweils die absolute Mehrheit erforderlich ist. Erst danach erfolgt eine Kanzlerwahl mit relativer Mehrheit.

Konstruktives Misstrauensvotum

Der Bundestag kann jederzeit mit Kanzlermehrheit gemäß Art. 67 GG einen neuen Bundeskanzler wählen, den der Bundespräsident dann ernennen muss.

Liste aller Kanzlerwahlen/Vertrauensfragen

BT Ja Nein Enth. Ung. Abwe-
send*
Stärke Kanzler-
mehrheit
Datum Kandidat Ergebnis Art der Wahl Koalition Regierungs-
mehrheit
Abweichler
BT Ja Nein Enth. Ung. Abwe-
send*
Stärke Kanzler-
mehrheit
Datum Kandidat Ergebnis Art der Wahl Koalition Regierungs-
mehrheit
Abweichler
* Abwesend oder keine Stimmabgabe bei anwesenden Mitgliedern des Deutschen Bundestages
1. 202 142 44 1 13 402 202 15.09.1949 Konrad Adenauer Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP, DP 209 7
2. 305 148 14 0 20 487 244 09.10.1953 Konrad Adenauer Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP, DP, GB/BHE 334 28
3. 274 193 9 0 21 497 249 22.10.1957 Konrad Adenauer Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, DP 287 13
4. 258 206 26 0 9 499 250 07.11.1961 Konrad Adenauer Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 309 51
279 180 24 1 15 499 250 16.10.1963 Ludwig Erhard Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 308 29
5. 272 200 15 0 9 496 249 20.10.1965 Ludwig Erhard Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 294 22
340 109 23 1 23 496 249 01.12.1966 Kurt Georg Kiesinger Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU,SPD 447 107
6. 251 235 5 4 1 496 249 21.10.1969 Willy Brandt Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, FDP 254 3
247 10 3 236 496 249 27.04.1972 Rainer Barzel Nein Konstruktives Misstrauensvotum
(Art. 67 I GG)
CDU/CSU 246
233 246 1 14 496 249 22.09.1972 Willy Brandt Nein Vertrauensfrage
(Art. 68 I GG)
SPD, FDP 246 13
7. 269 223 0 1 3 496 249 14.12.1972 Willy Brandt Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, FDP 271 2
267 225 0 0 4 496 249 16.05.1974 Helmut Schmidt Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, FDP 271 4
8. 250 243 1 1 1 496 249 15.12.1976 Helmut Schmidt Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, FDP 253 3
9. 266 222 2 1 6 497 249 05.11.1980 Helmut Schmidt Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, FDP 271 5
269 224 4 497 249 05.02.1982 Helmut Schmidt Ja Vertrauensfrage
(Art. 68 I GG)
SPD, FDP 269 0
256 235 4 0 2 497 249 01.10.1982 Helmut Kohl Ja konstruktives Misstrauensvotum
(Art. 67 I GG)
CDU, CSU, FDP 279 23
8 218 248 0 23 497 249 17.12.1982 Helmut Kohl Nein Vertrauensfrage
(Art. 68 I GG)
CDU, CSU, FDP 277 269
10. 271 214 1 0 12 498 250 29.03.1983 Helmut Kohl Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 278 7
11. 253 225 6 3 10 497 249 11.03.1987 Helmut Kohl Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 269 16
12. 378 257 9 0 18 662 332 17.01.1991 Helmut Kohl Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 398 20
13. 338 333 0 0 1 672 337 15.11.1994 Helmut Kohl Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 341 3
14. 351 287 27 1 3 669 335 27.10.1998 Gerhard Schröder Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, B90/Grüne 345 mind. 6 der Opposition
336 326 0 0 4 666 334 16.11.2001 Gerhard Schröder Ja Vertrauensfrage
(Art. 68 I GG)
SPD, B90/Grüne 340 4
15. 305 292 2 0 4 603 302 22.10.2002 Gerhard Schröder Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
SPD, B90/Grüne 306 1
151 296 148 0 5 601 301 01.07.2005 Gerhard Schröder Nein Vertrauensfrage
(Art. 68 I GG)
SPD, B90/Grüne 303 152
16. 397 202 12 1 2 614 308 22.11.2005 Angela Merkel Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, SPD 448 51
17. 323 285 4 0 10 622 312 28.10.2009 Angela Merkel Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, FDP 332 9
18. 462 150 9 0 10 631 316 17.12.2013 Angela Merkel Ja Kanzlerwahl
(Art. 63 I GG)
CDU, CSU, SPD 504 42

Anmerkungen zu Unterschieden Parteienstärken/Fraktionsstärken

Rechtliche Grundlagen

Art. 63 GG (Wahl des Bundeskanzlers)

(1) Der Bundeskanzler wird auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage ohne Aussprache gewählt.

(2) Gewählt ist, wer die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich vereinigt. Der Gewählte ist vom Bundespräsidenten zu ernennen.

(3) Wird der Vorgeschlagene nicht gewählt, so kann der Bundestag binnen vierzehn Tagen nach dem Wahlgange mit mehr als der Hälfte seiner Mitglieder einen Bundeskanzler wählen.

(4) Kommt eine Wahl innerhalb dieser Frist nicht zustande, so findet unverzüglich ein neuer Wahlgang statt, in dem gewählt ist, wer die meisten Stimmen erhält. Vereinigt der Gewählte die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich, so muß der Bundespräsident ihn binnen sieben Tagen nach der Wahl ernennen. Erreicht der Gewählte diese Mehrheit nicht, so hat der Bundespräsident binnen sieben Tagen entweder ihn zu ernennen oder den Bundestag aufzulösen.

Art. 67 (Mißtrauensvotum)

(1) Der Bundestag kann dem Bundeskanzler das Mißtrauen nur dadurch aussprechen, daß er mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt und den Bundespräsidenten ersucht, den Bundeskanzler zu entlassen. Der Bundespräsident muß dem Ersuchen entsprechen und den Gewählten ernennen.

(2) Zwischen dem Antrage und der Wahl müssen achtundvierzig Stunden liegen.

Art. 68 (Vertrauensfrage)

(1) Findet ein Antrag des Bundeskanzlers, ihm das Vertrauen auszusprechen, nicht die Zustimmung der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages, so kann der Bundespräsident auf Vorschlag des Bundeskanzlers binnen einundzwanzig Tagen den Bundestag auflösen. Das Recht zur Auflösung erlischt, sobald der Bundestag mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen anderen Bundeskanzler wählt.

(2) Zwischen dem Antrage und der Abstimmung müssen achtundvierzig Stunden liegen.

Meldungen


von Martin Fehndrich (15.02.2002, letzte Aktualisierung: 28.10.2009)