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Wahlrecht zum Staunen und Schmunzeln

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nowhereman
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Donnerstag, 08. Oktober 2009 - 10:58 Uhr:   

Parlamentswahlen Griechenland, Wahlkreis Athen-B 4.10, 15:30 - eine Schule mit vielen Wahlräumen, im Vorraum ein scheinbares Durcheinander, jeder läuft irgendwie quer durch die Vorhalle, jüngere mit technischem Equipement laut eingestellt, Mütter mit Kineto(Handy) laut gestikulierend, Väter den Frappebecher in der Hand. Dazwischen 2 Polizisten und ... jede Menge Parteihelfer, erkennbar an Parteiabzeichen auf der Kleidung, alle relevanten Parteien vertreten. Kommt nun ein ängstlicher Wähler, es gibt viele davon, so wird er artig angesprochen, ihm erklärt, wo sich der Wahlzettel der eigenen Partei auf den Tischen befindet, wer die Kandidaten dieser Partei sind, woher sie stammen. Ist jemand sehr unsicher, wird er von diesem Parteihlfer in den entsprechenden Wahlraum geführt, diesem bei den Formalienen geholfen, Ausweis vorlegen etc... und nochmals laut gerufen: "Stapel 3 bitte, das sind wir Vasilis, 4 Stimmen ankreuzen". Höflich wird diesem Wähler auch nach der Wahl der Weg aus diesem für Mitteleuropäer sehr lebhaften Durcheinander geführt. Wer glaubt, das sei es, irrt: draußen stehen mehrere Personen, die Wahlnachfrage betreiben. Ganz offen wird gefragt, wenn haben Sie gewählt und entsprechend ein Strich auf des Fragenden Block offen eingetragen.Nun sind leider nicht alle Griechen so freundlich, diese Frage öffentlich zu beantworten, andere aber mit Impetus dabei, dass es auch deutlich vernommen werde, für wen man steht.
Ein Teil nur meiner Erlebnisse.
Bitte, bitte nicht mit juristischem Sachverstand bewerten, auch nicht mit dem Anspruch deutscher Ordnung und Gründlichkeit - für Griechen sind es freie, geheime und gerechte Wahlen, ein wenig Anarchie (Wort griechischen Ursprungs)
und (Nach-)Helfen gehört dazu, dort, wenige Hundert Meter vom Ursprungsort der Demokratie.
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Markus Richter
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Donnerstag, 08. Oktober 2009 - 20:21 Uhr:   

Bei uns ins Wahllokal kommt immer eine geistig verwirrte Frau, die sich aber korrekt ausweisen kann. Das erste Mal schrie sie, nachdem wir sie in die "Wahlkabine" geleitet haben: "Wo ist denn die CDU auf dem Zettel?", das letzte Mal war sie etwas ruhiger, fragte mich aber vor Abgabe ihres Stimmzettels, ob sie richtig gewählt habe - und zeigte mir ihren Zettel; darauf waren zwei Kreuze bei der CDU, an den richtigen Stellen.

Aber sicher, gnädige Frau, sie haben richtig gewählt, aber gewiß doch.

(Beitrag nachträglich am 08., Oktober. 2009 von Markus editiert)
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Thomas Frings
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Freitag, 09. Oktober 2009 - 14:21 Uhr:   

Eine Besonderheit ist in Griechenland, daß man im Geburtsort wählen muß.
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Fragender
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Freitag, 09. Oktober 2009 - 20:50 Uhr:   

@Thomas Frings:

Das bedeutet, ein eingebürgerter Äthiopier müsste Beispielsweise nach Addis-Abeba fliegen, um dort zu wählen? Das glaube ich nicht.
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tg
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Freitag, 09. Oktober 2009 - 23:41 Uhr:   

@Thomas Frings:
Das klingt etwas nach der Weihnachtsgeschichte und die Methode "jeder ging in seine Stadt" hat ja schon damals zu gewaltigen organisatorischen Problemen geführt ;-)

Selbst wenn man das Ausland unberücksichtigt läßt, klingt es doch ziemlich skuril. Es sind z.B. sicher viele Inselgriechen im Laufe ihres Lebens in den Großraum Athen gezogen - wenn die alle am Wahltag auf ihre Geburtsinsel fahren würden, wäre aber viel los auf dem Ägäiischen Meer!

Oder gibt es Briefwahl und die "Wahl am Geburtsort" ist nur eine Sache der Wahlkreiszuordnung? Das wäre durchaus noch organisierbar.
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Lars Tietjen
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 07:43 Uhr:   

@tg
Soweit ich es verstanen muss an in Grichenland grundsätzlich im Geburtsort wählen. In begründeten Fällen ist aber eine Wahl im Wohnort möglich. Diese Möglichkeit wird aber wenig genutzt, weil es auch Tradition ist in die Geburtsgemeinde zu reisen.

Briefwahl ist bisher nicht möglich. Aber es gibt immer wieder Überlegungen diese einzuführen.
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nowhereman
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 10:55 Uhr:   

Der Hintergrund in Griechenland ist die Urbanisierung und Landflucht. Um einem flächenmäßig großen Wahlkreis (nomos), der aber fast ausgestorben ist, den Anspruch auf einen gewählten Abgeordneten zu erhalten, hält man an dieser Regel fest. Bekanntlich zieht es junge Menschen in die Städte oder ins Ausland. Somit erreicht man auch homogene Gebiete, also keine Rentnerparadiese in ländlichen Wahlkreisen; die beiden Athener Wahlkreise werden nicht noch größer als sie es eh schon sind.
Eine ältere Verwandte meiner Frau hat sich aber ohne Probleme ummelden können, weil es ihr nicht zuzumuten war, mit einem Schiff auf ihre Insel zu reisen, meine Frau hat sich auch schon überlegt, sich in einem anderen Ort anzumelden, da es in Athen lange Schlangen und Parkplatzprobleme gibt. Die gesetzliche Wahlpflicht, ganz alte sind davon ausgenommen, steht auch nur auf dem Papier, es gehen rund 75% zur Wahl. Tatsächlich reisen viele Griechen aus Deutschland per Charterflugzeuge kurz vor der Wahl an. Die Flüge sind meist stark vergünstigt, bei der vorletzten Wahl hat ein griechischer Bekannter 50 Euro hingelegt. Angeblich werden die Flüge von den Parteien zum Großteil bestellt und bezahlt. Zumindest kommt man an die Tickets
über Parteimitglieder in Deutschland. Auch das habe ich schon gehört: Frau wählt Pasok, Mann ND, Sohn KKE, alle fliegen mit dem Pasokflieger nach Athen.
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tg
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 15:10 Uhr:   

Skuril. Aber damit ist das Problem doch nur in die Zukunft verschoben, denn wenn dann die in Athen und Piräus geborenen Kinder ins Wahlalter kommen, werden diese Wahlkreise eben dann extrem groß.

Einige weitere Fragen:

Gilt das nur bei landesweiten Parlamentswahlen oder auch bei der Kommunalwahl? Da hätte dieses System ja wirklich dramatische Folgen!

Was ist mit aufgelösten Siedlungen? Soweit ich weiß, ist die Landflucht in einigen Bergregionen und von kleinen Inseln so extrem, daß einige Dörfer aufgegeben worden sind.

Und was ist mit Griechen, die im Ausland geboren wurden, gilt dann der erste in Griechenland angenommene Wohnsitz?
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nowhereman
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 17:37 Uhr:   

@ tg

Gilt auch für Kommunalwahlen, aufgegebene Gebiete werden einem Nachbarort zugeschlagen, kleinere Insel haben oft eine Hauptinsel, in der alles amtliche geregelt wird. Die in Deutschland geborenen Griechen melden sich in der Regel am Heimatort Ihrer Eltern an, oft heiraten zum Beispiel "deutsche Griechen" im Heimatort der Eltern auf traditioneller Weise, da man sich als Grieche dem Familienzusammenhalt verpflichtet fühlt - typisch griechisch: der Vorname des Großvaters/ der Großmutter wird den ältesten Enkelkindern gegeben, auch das soll familiäre Bindung schaffen.
Vielleicht werden eines Tages kleinere Nomos zusammengefasst, um das Problem der geringen Bevölkerung zu lösen. Sicher wird auch immer wieder versucht werden, Arbeitsplätze in entlegenen Gegenden zu schaffen, ist aber schwer, da nun mal Tourismus und die Seefahrt am ehesten Arbeitskräfte verlangen. Ein Nachteil dieses Systems ist aber, dass der gewählte Parlamentarier (egal ob Pasok oder ND) immer unter dem Druck steht, die Verwaltungsplätze mit Kindern seiner Wähler zu versorgen, eben weil die Familien sich so gut kennen und für die Wahl eine Gegenleistung wollen. In anderer Form trift man dieses Phänomen des "Stimmenhandels" auch bei Großstadtparlamentarier.
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Good Entity
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 19:44 Uhr:   

@nowhereman:

Interessant. Wie ist denn das für den Wahlort mit den Griechen geregelt worden, die noch in Smyrna (heute Izmir) oder den anderen kleinasiatischen Städten oder Dörfern geboren wurden? Die Zahl dürfte derzeit zwar rasch abnehmen, in den vergangenen Jahrzehnten war das aber eine nicht unbeträchtliche Zahl an Wahlberechtigten.

Der recht erfolgreiche Fußballverein AEK Athen (elffacher griechischer Meister) ist ja ursprünglich der Verein der aus Kleinasien stammenden Griechen. Wie man mir erzählte, ist diese Identifikation nach wie vor gegeben. Als Geburtsort wird im "Smalltalk" auch noch Smyrna etc angegeben, auch wenn es wohl eher der Großvater ist, der dort geboren wurde. Das unterstreicht jedenfalls Deine Informationen.
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nowhereman
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Samstag, 10. Oktober 2009 - 20:43 Uhr:   

@ Good Entity

In Athen gibt es einen Stadtteil, in dem ist AEK zuhause, der von zwangsumgesiedelten Griechen einst gegründet wurde. Oft heißen Ortschaften NEA (Neu) xxxx, und xxxx ist der Ortsname in Kleinasien, woher die Familien einst stammten.
Nach dem Wanderungsaustausch (Türken aus Nordgriechenland in die Türkei, Griechen aus Kleinasien und dem Schwarzen Meer nach Greece), blieben die Familen oft zusammen und haben gemeinsam die neue Siedlung gegründet. Meine Schwiegermutter sagt, sie sei aus Istanbul (Konstantinopoli), meint damit die Großeltern kamen aus Istanbul. Jeder sagt Konstantinopoli, so wie wir Stettin und Danzig sagen, auch in Nachrichten, nur am Flughafen wird es richtig angezeigt. Die Ex-Kleinasiaten wirken auf mich wie Sudetendeutsche bei uns mit ihrem Getue.
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Markus Richter
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Sonntag, 11. Oktober 2009 - 15:23 Uhr:   

Wie schrecklich, so ein Getue.
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Good Entity
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Sonntag, 11. Oktober 2009 - 18:59 Uhr:   

@nowhereman

Das K in AEK steht wohl auch noch für Konstantinopoli (oder eine deklinierte Form davon). Die Geschichte mit "Nea" hat man mir in Athen auch erläutert, soll wohl auch einzelne kleinere Stadtteile von Athen selbst betreffen, die im 20. Jahrhundert entstanden sind.

Wo aber haben Deine Schwiegergroßeltern denn gewählt, sofern sie zu demokratischen Zeiten noch gelebt haben? Auch heute noch müsste es ja noch viele 85 oder 90jährige Griechen geben, die noch vor 1924 in Kleinasien geboren wurden.
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nowhereman
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Sonntag, 11. Oktober 2009 - 20:52 Uhr:   

@ Good Entity

Das sie in Kleinasien wähl(t)en, geht ja nicht, ich denke, der Ort, an dem sie sich neu ansiedelten wurde zum Wahlort. Und notfalls hat man sich später umgemeldet. Mit Getue meine ich, man stellt die Greuel des anderen besonders heraus (Vertreibung) und vergisst, dass es einen politischen - bei uns deutschen auch verbrecherischen - Hintergrund gibt. Sofern es Nachkommen von Sudetendeutschen gibt, die den Kriegsbeginn (eigentlich schon das Hitlersche Diktat in München) durch die Nazis als ursächlich für die Vertreibung ansehen, aber eben die Erinnerung an diese Heimat pflegen, nebenbei auch mal was gegen die Art und Weise der Vertreibung sagen, die sicher grausam sein konnte, will ich mich gerne bei diesen für das Wort Getue entschuldigen. Man muss aber solche Folklore nicht mögen, weder in Griechenland, noch bei uns. Ansonsten würde ich gerne meine
griechischen Kommentare beenden, begonnen hat es aus einer Laune heraus und meinem eigenen Staunen, wie es in einem Wahllokal in Griechenland zugeht und wie kritisch dagegen in Wahlrecht.de über die Möglichkeiten einer Wahlmanipulation in Deutschland geurteilt wird und das völlig zu recht!

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