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Erfahrungen mit Wahlstreets

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thomas30
Veröffentlicht am Sonntag, 08. September 2002 - 19:23 Uhr:   

Mich interessiert die Geschichte von Wahlstreet.
- Wer hat diese entwickelt?
- Wie lange gibt es solche Wahlbörsen schon?
- Welche Erfahrungen hat man damit gesammelt im Vergleich zu den Umfrage-Instituten?
Hoffe hier bekomme ich Antworten
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Matthias Cantow
Veröffentlicht am Sonntag, 08. September 2002 - 20:42 Uhr:   

Interessant dazu:

Innofact
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Martin Fehndrich
Veröffentlicht am Sonntag, 08. September 2002 - 20:56 Uhr:   

Entwickelt von der Uni Iowa zur US Präsidentenwahl 1988.

Von den Umfrage-Instituten kann man die Wahlbörsen allerdings nicht ganz unabhängig sehen, da die Marktteilnehmer ja die Umfragen kennen und so die Kursbildung beeinflussen.
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mayerling
Veröffentlicht am Montag, 09. September 2002 - 10:32 Uhr:   

Habe jetzt auf der Seite gelesen, dass Wahlstreet 1998 am zweitnächsten(nach Allensbach) ans Endergebnis gekommen ist. Wenn Wahlstreet sich in etwa weiter entwickelt wie bisher, siehts nach einer SPD-geführten großen Koalition aus. Aber es kann ja noch viel passieren (PDS raus, FDP runter, SPD rauf, etc)
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Stephan Glutsch
Veröffentlicht am Montag, 09. September 2002 - 13:12 Uhr:   

Bisher ist Wahlstreet nur ein Spiel, bei dem es nur um kleine Betraege eingesetzt werden.

Man sollte vielleicht professionelles Spekulieren mit richtig grossen Betraegen erlauben. Die Banken wuerden Partei-Zertifikate herausgeben, die am Wahltag eingeloest werden. Diese liessen sich an der Frankfurter Boerse handeln. Der Verdienst der Banken bestuende in den Gebuehren fuer Kauf und Verkauf. Natuerlich waeren auch Optionsscheine Turbo-Optionsscheine, Polit-Fonds usw. moeglich.

Dann wuerden sich mehr Profis damit beschaeftigen, was zu genaueren Voraussagen fuehren wuerde. Die Parteien wuerden von den Einschaetzungen der Analysten auch profitieren.
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mayerling
Veröffentlicht am Montag, 09. September 2002 - 16:43 Uhr:   

@stephan
mir ist das egal, ob es um viel Geld geht oder nicht. Für mich zählt das Ergebnis und Wahlstreet war na dran 1998. Wahlstreet ist in Deutschland aber noch recht jung. Obs auch hier gut funktioniert und eine echte Konkurrenz/oder eine temporäre Erscheinung ist, wird sich erst mit der Zeit und den Wahlen zeigen können.
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Moersberg
Veröffentlicht am Freitag, 13. September 2002 - 01:02 Uhr:   

Die Wahlstreet ist zwar vermutlich ein besseres Prognoseinstrument als Stichprobeumfragen, hat allerdings einige Konstruktionsfehler:
1. Zusammensetzung der Netzuser: Bekanntermaßen sind Sympathisanten der FDP und der GRÜNEN hier stark überrepräsentiert.
2. Das börsenübliche Verhalten an "psychologisch wichtigen Marken". An der Wahlstreet ist es verhältnismäßig einfach, die PDS durch gezielte Stützkäufe (zu Lasten der SPD) über 5% zu halten. Von einer 15-Minuten-Delle nach dem letzten Fernsehduell abgesehen, pendelt die PDS in der Wahlstreet folglich konstant zwischen 5,00 und 5,04. In der Praxis kann ein taktischer Wähler viel schlechter einschätzen, ob seine Stützstimme wirklich benötigt wird.
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thomas30
Veröffentlicht am Freitag, 13. September 2002 - 09:23 Uhr:   

@moersberg
Da ist was dran. Ich denke aber letztlich zählt das Endergebnis.
Wir werden sehen, ob die MEnschen, die dort mitspielen, das Spiel oder die Partei ihre Wahl wichtiger nehmen - für Wahlstreet natürlich.
Die grünen waren bei Wahlstreet lange etwa bei 6,2%, das ist ja nicht gerade extrem hochgekauft. Die FDP ist ja auch in einigen Umfrage wesentlich höher geschätzt worden als in anderen, solange Allensbach die FDP hochschätzt, werden einige MEnschen bei Wahlstreet noch ihre Hoffnung auf >10% behalten
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Freitag, 13. September 2002 - 11:05 Uhr:   

Die Wahlstreet geht davon aus, daß die Teilnehmer in erster Linie versuchen Geld zu verdienen und deshalb ein Interesse daran haben, das Wahlergebnis realistisch einzuschätzen.
Für Amerika ist diese Annahme wohl auch vernünftig - dort gibt es keine so starken Parteibindungen wie in Deutschland.

Bei der deutschen Wahlstreet habe ich dagegen das Gefühl, daß sehr viele Teilnehmer ganz klar eine Parteipräferenz haben und gern bereit sind, einige Cent Verlust in Kauf zu nehmen um ihre Lieblinge zu puschen.
Teilweise gleicht sich das dann aus (z. B. zwischen Liberalen und Grünen).
Aber insgesamt erwarte ich für die Qualität der Vorhersage nicht viel.
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thomas30
Veröffentlicht am Freitag, 13. September 2002 - 13:04 Uhr:   

Die Wahl wird nicht bei Wahlstreet gewonnen, das wissen auch die
beteiligten SpielerInnen.
Ich denke, Wahlstreet muss noch einige Jahre getestet werden, die
ERfahrung wird zeigen, ob es auch hier in der BRD funktioniert, die
Wahlstreet als zusätzliches Prognose-Instrument einzusetzen.Denn
eines ist mir klar, Wahlbörsen können Umfragen lediglich ergänzen,
nie ersetzen.
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Michael
Veröffentlicht am Dienstag, 17. September 2002 - 20:36 Uhr:   

Hat jemand von Euch konkrete Zahlen, wie nahe die einzelnen Wahlbörsen, z.B. Wahlstreet, 1998 das Ergebnis der Wahl getroffen haben? Ich lese immer nur, sie seien nahe dran gewesen. Konkrete Zahlen habe ich jedoch noch nicht gefunden.
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ich
Veröffentlicht am Samstag, 21. September 2002 - 23:07 Uhr:   

Wahlstreet Prognose 1998 (Fehler in Klammern):

SPD 38,95 (-1,98)
Union 36,33 (+1,19)
Grüne 7,83 (+1,13)
FDP 5,87 (-0,38)
PDS 5,01 (-0,09)
Andere 6,08 (+0,20)
Summe 100,07 (+0,07)

Die Prognose war der aktuelle Kurs am Wahltag um 8 Uhr. Die Tagesmittelkurse der Woche zuvor waren größtenteils deutlich weiter vom Ergebnis weg. Der letzte, den ich hab, war vom Freitag vor der Wahl:

SPD 38,62 (-2,31)
Union 36,44 (+1,30)
Grüne 7,99 (+1,29)
FDP 6,00 (-0,25)
PDS 4,93 (-0,17)
Andere 5,99 (+0,11)
Summe 99,97 (-0,03)

Die Kurse der ersten Handelswochen (Eröffnung damals am 31. Juli) waren 1998 sehr viel näher am Ergebnis.

Beim Vergleich zu heuer sollte man berücksichtigen, dass 1998 der Einsatz viel geringer war (maximal 10 DM; Minimum war glaub ich sogar nur 1 DM) und dass viel mehr Händler dabei waren (am Schluss fast 10.000, heute früh waren es um die 3.250).

Die Wahlstreet hat übrigens auch schon katastrofale Fehlprognosen abgeliefert. Beispiel Prognose Europawahl 1999:

SPD 35,93 (+5,23)
Union 40,29 (-8,37)
Grüne 6,72 (+0,28)
FDP 5,40 (+2,37)
PDS 5,81 (+0,02)
Andere 6,24 (+0,87)
Summe 100,39 (+0,39)
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Stephan.Glutsch
Veröffentlicht am Samstag, 21. September 2002 - 23:56 Uhr:   

Ich habe oben schon einmal vorgeschlagen, Wahlstreet kommerziell zu betreiben, so daß richtig große Beträge eingesetzt werden. Vor allem sollte sie auf Options- und Termingeschäfte ausgeweitet werden. Es ist privaten Firmen durchaus nicht egal, wer die Wahlen gewinnt, und das Wahlergebnis fließt in die Gewinnschätzungen ein. So setzte die amerikanische Rüstungs- und Tabakindustrie auf den Sieg von George W. Bush. Hätte das nicht geklappt, dann hätten die Firmen ihre Gewinnschätzungen nach unten korrigieren müssen. Bei einem Wahlstreet-Terminmarkt hätten sie sich mit Options- und Termingeschäften gegen das Risiko absichern können, daß A. Gore gewinnt. Das wäre doch eine gute Geschäftsidee.

Die Prognosen wären auf diese Weise noch genauer, und die Wahl wäre nur noch eine reine Formsache. Vielleicht könnte man sie sogar ganz einsparen, und die Anzahl der Mandate richtet sich nach den Kursen bei Wahlstreet an einem bestimmten Stichtag. Damit wären wir dem Ziel näher gekommen, die Demokratie durch die viel besser funktionierende Marktwirtschaft zu ersetzen.

Die Europawahl spielt keine große Rolle. Niemand interessiert sich dafür, was das Europaparlament überhaupt macht. Deshalb eignet sie sich auch gut als Protestwahl. ("Wir haben verstanden.") Vielleicht lag die Prognose deshalb so daneben.
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ich
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 00:27 Uhr:   

Stephan: Unsere Demokratie ist doch schon längst eine Marktwirtschaft (und war es tendenziell schon immer). Den Bruchteil der Wahlberechtigten, der seine Wahlentscheidung nicht nach realen oder von der Werbung vorgegaukelten Kosten/Nutzen-Überlegungen trifft, kannst du doch vergessen.

Und rein technisch kann eine Wahlbörse ohne Wahlen nicht funktioniern. Was sollte denn sonst eine Basis für die Kurse sein?
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Stephan Glutsch
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 01:36 Uhr:   

"Den Bruchteil der Wahlberechtigten, der seine Wahlentscheidung nicht nach realen oder von der Werbung vorgegaukelten Kosten/Nutzen-Überlegungen trifft, kannst du doch vergessen."

Ich fände es gar nicht wünschenswert, wenn eine Mehrheit ihre Entscheidung nicht nach Kosten-Nutzen-Erwägungen treffen würde. Geisteskranke tun das nicht. Der Nutzen ist aber sehr gering, da eine einzelne Wählerstimme nicht viel ausmacht. Die Kosten bzw. der Zeitaufwand dagegen sind sehr hoch, um sich die notwendigen Informationen zu beschaffen.

Es gibt eine ganze Menge Unterschiede zwischen Wahlen und Marktwirtschaft:

- Bei Wahlen besteht kein Individuelles Risiko, wie beim Kauf eine Produkt oder einem sonstigen Vertragsabschluß. Das Risiko wird also vergesellschaftet, wie im Sozialismus. Entsprechend verantwortungslos ist auch meistens der Umgang mit der Wählerstimme. In Extremsituationen, wenn sich die Bürger bedroht fühlen, wählen sie rationaler, z.B. bei der doppelten Staatsbürgerschaft.

- Zwar kann jeder das Auto fahren, das er will, aber alle bekommen dieselbe Regierung, egal ob sie sie gewählt haben oder nicht.

- Man kann nicht einfach die Regierung wechseln wie den Internet-Provider, da es nur eine gibt. Somit hat man nie wirklich den Vergleich zwischen verschiedenen Regierungen. Ein Schattenkabinett tut das nur sehr unzureichend. 1990 hatten die DDR-Bürger den direkten Vergleich zwischen Sozialismus und sozialer Marktwirtschaft und haben sich eindeutig für letztere entschieden. Jetzt hat die Mehrheit keinen direkten Vergleich zwischen sozialer Marktwirtschaft und Kapitalismus, mit Ausnahme der wenigen, die eine Zeit lang in den USA waren. Wenn die Schweiz auch noch EU-harmonisiert wird, dann gibt es praktisch keine Alternative mehr.

- Menschen können nur lokal optimieren. In der Marktwirtschaft bewirkt lokale Optimierung zumeist auch globale Optimierung. In der Demokratie ist das im allgemeinen nicht so. Lokale Optimierung unter gegenwärtigen Bedingungen heißt: Wie kann ich die Subventionsströme in meine Richtung leiten, welche Regierung kürzt die Sozialleistungen am wenigsten, so daß ich weiter faulenzen kann, durch welche staatlichen Regulierungen halte ich mir die Konkurenz am besten vom Hals?

- Im Privatleben kann man es sich aussuchen, mit wem man zusammenleben will. Arbeitgeber können sich aussuchen, wen sie einstellen; Vermieter können sich ihre Mieter aussuchen. (Rotgrün versucht allerdings ständig, die Vertragsfreiheit einzuschränken). In einem Staat kann man
das nicht. Das Problem bestand schon in der Schule, wenn 3 Schüler zusammen die Hausaufgaben machen sollten. Wenn sich zwei gute zusammentaten, drängelte sich normalerweise noch ein unfähiger hinein und beutete die anderen aus. Ich wäre ja sehr dafür, die Bundesrepublik in einen Nord- und Südteil aufzuteilen. Die Ökos und Sozialisten ziehen nach Norden und wir anderen nach Süden. Rate mal, welche Gruppe wird das wohl am wenigsten will?

Man könnte noch viele Probleme aufzählen, und so ist verwunderlich, daß es überhaupt irgendwie geht. Es gibt ein sog. Arrow-Theorem. Das besagt, daß es nicht möglich ist, aus individuellen Präferenzen eine kollektive Präferenz zu machen, die ein paar Minimalforderungen genügt: Universalität (es muß auf alle anwendbar sein), Diktaturfreiheit und Pareto-Effizienz ("Niemandem soll es schlechter gehen, aber vielen besser"). Etwas zugespitzt formuliert besagt es, daß Demokratie unmöglich ist. Deshalb entarten Demokratien und entwickeln sich zu Umverteilungsdiktaturen.

Der Philosoph Gerard Radnitzky hat sich mit dieser Problematik ausführlich auseinandergesetzt. Deswegen sollte man sich schon Gedanken machen, ob man Demokratie sukzessive durch marktwirtschaftliche Elemente ergänzen oder ersetzen kann.
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ich
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 03:00 Uhr:   

Stephan: Im Prinzip untermauerst du mit deinen Ausführungen meine These. Aber ein paar Anmerkungen muss ich da schon noch machen:

- Scheinbar kennst du nur materialistische Werte. Damit bist du zwar in der Mehrheit, aber es gibt auch noch ein paar andere Leute.

- Nichts vergesellschaftet Risiko zugunsten individuellen Profits so radikal wie ein reiner Kapitalismus.

- Es gibt Sachen, die vom Teilen nicht weniger werden. Wissen gehört dazu. Wenn du selbst da noch unbedingt Leute brauchst, die weniger haben als du, bist du wirklich bedauernswert.

- Warum haben eigentlich Wirtschaftsliberale oft so eine Abneigung gegen Diktaturen oder das, was sie dafür halten? Kapitalismus ist die Diktatur des Eigentums, wenn es keine Legitimation hat, und die hat es in vielen Fällen (z.B. Erbschaften oder nicht vermehrbare Güter wie Grundbesitz) einfach nicht.

Aber langsam wird das hier offtopic. Eigentlich wollt ich ja nur frühere Wahlstreet-Kurse posten...
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Jan aus Berlin
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 10:05 Uhr:   

@ich:
Wieso sollen Erbschaften und Grundbesitz kein legitimes Eigentum sein?
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Stephan Glutsch
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 13:15 Uhr:   

ich:

"Scheinbar kennst du nur materialistische Werte. Damit bist du zwar in der Mehrheit, aber es gibt auch noch ein paar andere Leute."

Das ist gar nicht wahr. Nur sehe ich ideelle Werte (Kunst, Kultur, Bildung, Religion, Moral) als Privatsache an und glaube nicht, daß der Staat dafür zuständig sein soll. Auf keinen Fall darf er Überzeugungen verordnen. Künstler, und solche, die sich dafür halten sollten es einmal mit Marktwirtschaft probieren, und Politkomissare brauchen wir nicht.

"Nichts vergesellschaftet Risiko zugunsten individuellen Profits so radikal wie ein reiner Kapitalismus."

Auch das ist nicht wahr. Jüngstes Beispiel der real existierenden sozialen Marktwirtschaft ist die Mobilcom-Pleite. Als die Firma Gewinne machte, hat Gerhard Schmid kräftig verdient. Jetzt, wo Mobilcom zahlungsunfähig ist, springt der Staat ein. Ein solches staatliches Eingreifen (natürlich immer zur Rettung von Arbeitsplätzen) gibt es im reinen Kapitalismus nicht. Der Korporatismus (Verbändeherrschaft) sichert vielen Gruppen Extraprofite. Ein Beispiel sind die Apotheken: Risiko nahezu mull, Gewinn maximal.

"Es gibt Sachen, die vom Teilen nicht weniger werden. Wissen gehört dazu. Wenn du selbst da noch unbedingt Leute brauchst, die weniger haben als du, bist du wirklich bedauernswert."

Das war nur ein Beispiel, daß es in der Demokratie möglich ist, parasitär zu leben. Auch muß man Schüler und Studenten vor falscher Solidarität warnen, denn wenn die Anzahl der Lehr- oder Arbeitsstellen geringer ist als die der Bewerber, wird sich noch mancher ärgern, wenn er andere hat abschreiben lassen. Auch was Solidarität betrifft, so sollte sie Privatsache sein. Solidarität im Öffentlichen ist
K o r r u p t i o n.

"Warum haben eigentlich Wirtschaftsliberale oft so eine Abneigung gegen Diktaturen oder das, was sie dafür halten? Kapitalismus ist die Diktatur des Eigentums, wenn es keine Legitimation hat, und die hat es in vielen Fällen (z.B. Erbschaften oder nicht vermehrbare Güter wie Grundbesitz) einfach nicht."

Ich nehme an, nicht nur Wirtschaftliberale haben eine Abneigung gegen Diktaturen. Allerdings arbeiten auch Anhänger des Sozialstaates unwissentlich der Diktatur in die Hände, weil sie Freiheit gegen Sicherheit eintauschen. Die Gefahr des Abrutschens der sozialen Marktwirtschaft in die Diktatur sollte nicht unterschätzt werden. Die PDS ist das Bindeglied zwischen sanfter Diktatur (Sozialstaat) und richtiger Diktatur (Sozialismus).

Die "Diktatur des Eigentums" ist eine Sprechblase, denn das Eigentum kann mich nicht zwingen, etwas zu tun, oder mich ins KZ stecken, Diktatoren schon. Über kein Eigentum zu verfügen ist auch kein Schicksaal, man müßte sich nur mehr anstrengen.

Die These, daß Erbschaften eine Kumulation von Eigentum bewirken, ist auch nicht haltbar. Neulich schrieb das "manager magazin", schwieriger als reich werden sei es, den Reichtum zu behalten. Bismark hat schon gesagt: "Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt." Also, die Halbwertszeit beträgt zwei Generationen. In vielen Fällen handelt es sich um Produktivermögen; hier führt eine Erbschaftssteuer zur Vernichtung von Arbeitsplätzen.

Die "nicht vermehrbaren Güter" sind auch eine Worthülse, denn das Angebot ist immer endlich, die Nachfrage immer potentiell unendlich. Es ist nicht so, daß die Immobilienpreise nur nach oben gehen können. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern sind Grundstücke billig zu haben. Deshalb spielen Umweltschutz oder die Endlichkeit der Resourcen in der Ideologie der Linken auch eine herausragende Rolle, nämlich um die Zahl der "nicht vermehrbaren Güter" zu erhöhen und staatliche Rationierungen (Verstaatlichung der Bodenschätze unter Allende) oder Besteuerungen ("Öko-Steuer") einzuführen. Stichwort: Öko-Diktatur.

Und selbst wenn einige mit der Legitimation des Kapitalismus haben, so ist ungleich verteilter Reichtum immer noch besser als gleichverteilte Armut. Daswegen sind ja die West-Linken vor der Wiedervereinigung nicht in Scharen in die DDR gekommen.

Also so einfach überzeugst Du mich nicht. Ich hatte auch in Marxismus-Leninismus eine Eins, im Gegensatz zu vielen Dumm-Roten, die die PDS wählen.
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ich
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 14:45 Uhr:   

Nur 2 kurze Antworten, weil grob offtopic:

- Bei Erbschaften stellt sich die Frage andersrum: Warum sollten sie legitim sein? Grundbesitz schafft zumindest lokale Monopole. Ein exklusives Nutzungsrecht sollte deshalb an den Nutzen für die Allgemeinheit gebunden sein.

- Reiner Kapitalismus vergesellschaftet z.B. Umweltschäden. Solang er nicht die Verantwortung für den Schutz von Eigentum auf den Einzelnen verlagert, sprich das Gewaltmonopol des Staats aufgibt, kommen dazu soziale Schäden aller Art.

Damit hier nicht der Verdacht aufkommt, ich sei extrem links: Mein Idealbild von Gesellschaft liegt sehr nah an dem, was die (zugegebenermaßen ziemlich sozialistische) bayrische Verfassung beschreibt. Leider ist da viel von Bundesrecht überlagert, und der Rest wird vom bayrischen Verfassungsgerichtshof teilweise recht eigentümlich ausgelegt.
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Jan aus Berlin
Veröffentlicht am Sonntag, 22. September 2002 - 15:29 Uhr:   

@ ich

Erbschaften sind wie Schenkungen als legitime Ausübung des
Eigentumsrechts zu betrachten. Wenn es keine freie Verfügung gibt, macht der Begriff des Eigentums keinen Sinn.

Zum Thema Umweltschäden: Schadensersatz sollte in einem funktionierenden Rechtssystem von den Geschädigten durch via Haftungsrecht einklagbar sein.
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jonas
Veröffentlicht am Donnerstag, 10. Oktober 2002 - 15:56 Uhr:   

Wie versprochen gebe ich meinen Wahlstreetsnamen und Platz, Rendite angeben.
Platz 95 Name jonas Rendite: 12.706%
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Sole
Veröffentlicht am Montag, 11. November 2002 - 16:04 Uhr:   

ich: man muß ja nicht extrem sein, um sozial zu sein.

Die CSU in Bayern war schon immer eine geschichtlich interessante Partei.

Gibt es eigentlich noch Leute, die dem "christlichen Sozialismus" (im Gegensatz zum Marxismus" anhängen oder ist das Geschichte?
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Stoiber
Veröffentlicht am Montag, 11. November 2002 - 16:58 Uhr:   

Hierzu ein paar schöne Zeilen von der CSU-Seite:

Die Christlich-Soziale Union muß die Grundlagen ihres politischen Denkens und Handelns nicht korrigieren. Die politischen Leitideen von freiheitlichem Rechtsstaat und Sozialer Marktwirtschaft haben sich als überlegen erwiesen. Subsidiarität und Föderalismus waren für die CSU stets die unverzichtbaren Pfeiler einer freiheitlichen Staats- und Gesellschaftsordnung. In allen europäischen Ländern setzt sich die Erkenntnis durch, daß ein in Freiheit geeintes Europa nur auf der Grundlage dieser Bauelemente entstehen kann.
Mittelpunkt der Politik der CSU sind weiterhin der Mensch und seine Freiheit. Denn der Mensch ist nach dem christlichen Menschenbild zur Freiheit, zur Selbstverantwortung bestimmt. Er lebt in der Spannung zwischen Selbstbestimmung und Solidarität. Zur Verantwortung des Menschen gehört, daß er seine Freiheit nicht auf Kosten anderer auslebt, seine Interessen mit dem Gemeinwohl in Übereinstimmung bringt, sich seinen Mitmenschen verpflichtet weiß und solidarisch handelt. Der freie, in seinem Gewissen gebundene, selbst- und mitverantwortliche Bürger, nicht der Untertan und nicht der verantwortungslose Individualist, sind Maßstab unserer Politik. In dieser Wertgebundenheit will die CSU unsere freie und offene Gesellschaft gestalten.
Christliches Menschenbild, Selbstverantwortung in Solidarität und Subsidiarität als die Markenzeichen christlich-sozialer Politik sind als Grundlagen und Ordnungsprinzipien für Staat und Gesellschaft aktueller denn je.


Die Christlich-Soziale Union ist eine Volkspartei im Dienste aller Bürger. Sie ist dem Gemeinwohl verpflichtet und steht allen Frauen und Männern offen, die bereit sind zur Mitarbeit in Gesellschaft und Staat. Parteien oder Gruppen, deren Handeln nur auf einen oder wenige Punkte beschränkt ist, sind dazu nicht in der Lage, weil sie den Ausgleich nicht suchen müssen und deshalb nicht zu gerechten und tragfähigen Entscheidungen kommen. Die CSU betreibt Politik für alle Schichten der Bevölkerung, bündelt die Einzelinteressen und führt sie in einem Konzept des gerechten Ausgleichs zusammen.


Die CSU begründet ihre Politik und ihr Selbstverständnis aus der Verantwortung vor Gott und gegenüber dem Nächsten. Das Recht auf Leben und die Würde des Menschen sind ihre Leitbilder. Auf christlicher Grundlage entwickelt sie schöpferische Kraft für die Gestaltung des politischen Lebens und erhält die Motivation zum Einsatz für die Schöpfung, für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Die CSU geht vom christlichen Menschenbild und von der christlichen Wertordnung aus. Deshalb weiß sie von der Begrenztheit und Unvollkommenheit des Menschen, und deshalb weiß sie, daß die politische Gestaltung der Welt letzte Vollkommenheit nicht erreichen kann.
Deshalb lehnt die CSU politische Ideologien ab, die sich als irdische Heilslehren ausgeben. In der Zusammenarbeit von Christen der beiden großen Konfessionen liegt eine der starken Wurzeln der CSU. Die CSU geht von der weltanschaulichen Neutralität des Staates auf der Wertordnung unserer Verfassung aus. Aus der christlichen Grundlage ihrer Politik leitet die CSU keinen politischen Absolutheitsanspruch ab. Sie steht allen offen, deren politische Vorstellungen mit der christ lichen Wertorientierung vereinbar sind.
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dieterhirsch
Veröffentlicht am Montag, 11. November 2002 - 19:21 Uhr:   

die CSU ist konservativ. mir macht sie keine, aber auch keine Freude.
Hätte wir bayrische Verhältnisse, wüsste ich nicht wohin.

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