| Autor |
Beitrag |

Mörsberg
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 15:52 Uhr: | |
Es scheint hier noch kein Thema zu den Wahlen am 5. Mai vorzuliegen. Das sei also hiermit eröffnet. Die Orakel sehen Labour und die Tories zwar recht dicht beieinander, aber der Blick auf den "Seat Calculator" auf der BBC-Seite (bei den Auslandsumfragen UK I verlinkt) führt zu einigen interessanten Erkenntnissen: Bei angenommenen 19% LibDem und 9% Sonstigen ergibt sich eine Labour-Mehrheit noch bei einem Rückstand von einem Prozentpunkt im Popular Vote auf die Tories (35,5%). Diese benötigen ihrerseits neun Prozentpunkte Vorsprung und 40,5%. Dazwischen ist ein hung parliament nicht unwahrscheinlich. Die Liberaldemokraten benötigten für eine eigene Mehrheit - bei Gleichstand Labour/Tories und 9% Sonstigen - 39% im Popular Vote. Auch wenn die Effekte des taktischen Wählens und der Konzentration auf bestimmte Wahlkreise, besonders bei LibDem, durch die Berechnungsmethode nicht berücksichtigt werden, fällt doch auf, dass der ohnehin bekannte Labour-Vorteil durch den Wahlkreiszuschnitt noch erheblich höher ausfällt, als die meisten wohl angenommen hätten. Daraus folgt für den Ausgang der Wahlen: Eine eigene Mehrheit für die Tories ist unter den gegebenen Bedingungen so gut wie ausgeschlossen. Ein hung parliament hingegen ist möglich. |

Florian
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 18:01 Uhr: | |
Der beträchtliche Bias bei den britischen Wahlen ist aus wahltheoretischer Sicht natürlich problematisch. Frage: Wird das eigentlich auch von der britischen Öffentlichkeit als Problem gesehen? Würde insbeondere eine Labour-Regierung mit absoluter Parlamentsmehrheit, die nicht einmal von einer relativen Wähler-Mehrheit gewählt wurde, auf Akzeptanzprobleme stoßen? (Oder wird das Phänomen als systemimmanent oder gar als nationale Folklore akzeptiert?) |

Ralf Arnemann
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 19:49 Uhr: | |
@Florian: > Wird das eigentlich auch von der britischen Öffentlichkeit als Problem > gesehen? Bisher wohl nicht. Die Prozentzahlen spielen in der Berichterstattung nur eine sehr untergeordnete Rolle, man schaut in erster Linie auf die einzelnen Wahlkreisergebnisse. Und so ein bißchen Wahlkreismogeln zugunsten der jeweiligen Regierung hat schon eine gewisse Tradition und wird akzeptiert. Problematisch wäre aber ein sehr krasser Kontrast, wenn also z. B. Labour mit nur einem Drittel der Stimmen und deutlichem (über 5%) Vorsprung der Tories trotzdem eine absolute Mehrheit im Parlament bekäme. Da es ja keine Verfassung mit klaren Grundprinzipien gibt, wird in GB nicht nur nach formaler Korrektheit geschaut, sondern auch nach inhaltlicher Legitimität. Es könnte dann sein, daß Labour dann so unter öffentlichen Druck gerät, daß sie nicht in Ruhe durchregieren können. Eine Wahlrechtsreform ist ja schon länger in Arbeit, bei den Regionalwahlen in Schottland und Wales und zum EP gilt bereits das Verhältniswahlrecht. So wie die Umfragen und die politische Stimmung aussieht, wird es aber nicht zu einer solchen krassen Situation kommen. Und wenn Labour aus einem schwachen Vorsprung mit nur 40% eine fette Parlamentsmehrheit macht, dann wäre das noch im Rahmen des Gewohnten und Akzeptierten. |

zigzag
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 20:59 Uhr: | |
Hier ein paar Links: Umfragen: Überblick aller Umfragen http://pollingreport.co.uk/voteALL.html http://news.bbc.co.uk/1/shared/vote2005/polltracker/html/default.stm http://www.angus-reid.com/polls/index.cfm?fuseaction=archives Suchwort UK, Britain oder Scotland http://www.yougov.com/yougov_website/asp_besPollArchives/ bes_arcIntro.asp?sID=3&wID=0&uID= http://www.populuslimited.com/ http://www.icmresearch.co.uk/reviews/latest-polls.asp http://politics.guardian.co.uk/polls/ http://www.mori.com/polls/trends.shtml Vorhersagen/Predictions: http://www.electoralcalculus.co.uk/index.html auch für jeden Sitz einzeln http://www.ukelect.co.uk/ mit Programm zum herunterladen für eigene Vorhersagen (siehe unten) http://www.netcoms.com/election/index.html Prozentzahlen eintragen und Sitzzahl der Parteien sehen Seite mit weiteren Links: http://www.politicalbetting.com/ Die Wahlsonderseite der BBC, am Wahlabend gibt es sicherlich wieder eine exzellente Berichterstattung: http://news.bbc.co.uk/1/hi/uk_politics/vote_2005/default.stm Wahlinfos aus Nordirland: http://www.ark.ac.uk/elections/ News aus Schottland: http://news.scotsman.com/ In das runtergeladene Programm eingegebe Zahlen ergeben folgendes: Labour 28.18% (325 Seats -74) Lib. Dem. 39.81% (231 Seats +177) Conservative 21.95% (61 Seats -103) = absolute Mehrheit an Sitzen für Labour Wenn ich diese Zahlen bei der BBC-Seite eingebe kommen aber ganz andere Zahlen heraus? gewichtet UKelect die Daten so viel anders? Neuer Versuch bei der BBC ergibt dies: LAB 29.9% CON 21.5% LIB DEM 37.1% OTH 11.5% YOUR FORECAST LAB overall majority: 4 SEATS WON LAB 325 CON 9 LIB DEM 280 OTH 32 Ich glaube so ein Ergebnis würde schon zu einem Aufschrei führen. |

Frank Schmidt
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 21:19 Uhr: | |
Ich glaube, du hast die Umfragedaten der Konservativen und der Liberaldemokraten vertauscht. |

Sole
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 21:21 Uhr: | |
Sind die GB-Liberalen wirklich schon so eine starke Kraft? Noch vor ein paar Jahren hatte man in Schulen von einem Quasi-Zweiparteiensystem gehört. |

Martin Fehndrich
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 21:35 Uhr: | |
Landesweit ist es auch ein Quasi-Zweiparteiensystem (mit einer bedeutungslosen 20%-Drittpartei, so ist das bei Mehrheitswahl eben). Auf kommunaler Ebene sieht es zum Teil aber anders aus. |

zigzag
| | Veröffentlicht am Dienstag, 12. April 2005 - 22:27 Uhr: | |
Ich habe extra diese Zahlen eingegeben, um zu sehen welch paradoxe Ergebnisse dieses Wahlrecht hervorbringen kann |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 14. April 2005 - 08:57 Uhr: | |
Die Bevorzugung von Labour kommt nicht nur durch den Wahlkreiszuschnitt zustande (Labour-Wahlkreise sind relativ klein, im Mitttel ca. 5% kleiner als die Übrigen), sondern auch dadurch, daß die Parteipräferenzen geographisch recht günstig für Labour verteilt sind. Die Liberalen überwiegend sind dort stark, wo auch die Konservativen stark sind. Labour ist in ländlichen Regionen im Süden sehr schwach und so gehen wenig Stimmen verloren. Zudem ist zu bedenken, daß in vielen Labour-Wahlkreisen die Wahlbeteiligung unterdurchschnittlich ist, u.a. weil der Sieger dort meist sowieso feststand. Es gibt also eine Verknüpfung meherer Effekte, die Labour begünstigt. Zahlenspiele in Mandatsrechnern sind aber nur bedingt aussagekräftig. Denn niemals verläuft die Entwicklung im ganzen Land gleich. WEnn z.B. eine Partei viel verliert, dann fällt der Verlust in Prozentpunkten in ihren Hochburgen am größten aus. |

Mörsberg
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 14. April 2005 - 16:04 Uhr: | |
@ Martin: > Landesweit ist es auch ein Quasi-Zweiparteiensystem (mit einer > bedeutungslosen 20%-Drittpartei, so ist das bei Mehrheitswahl > eben). Auf kommunaler Ebene sieht es zum Teil aber anders aus. Nein, diese Sicht der Dinge ist eindeutig zu verkürzt. Wenn in einem Parlament mit 660 Sitzen ca. 80 nicht auf die beiden stärksten Parteien entfallen, dann kann man nicht mehr von einem Zweiparteiensystem sprechen. Die Liberaldemokraten stellen derzeit, dank einiger gewonnener Nachwahlen, 55 Unterhausabgeodnete, genau 55 Mandate haben auch die Grünen im Bundestag. Dazu kommen noch ca. 30 Sitze für SNP, PC, nordirische Parteien und Unabhängige. Der von Dir beschriebene Zustand lag in den 60ern und 70ern vor, als die Liberalen regelmäßig bei ca. zehn Sitzen herumkrebsten. Derzeit sind die LibDems, auch aufgrund ihrer kommunalen Erfolge, alles andere als "bedeutungslos" einzustufen. Gelegentlich werden führene liberale Politiker auch für bedeutende internationale Positionen berücksichtigt, so etwa der frühere Vorsitzende Paddy Ashdown. Bei einem Verhältniswahlrecht würden die LibDems aller Voraussicht nach sogar weniger als die derzeit prognostizierten 21% im Popular Vote erhalten, weil sie dann nicht sämtliche Stimmen derjenigen Wähler einsammeln könnten, die in erster Linie weder Labour noch Tories wählen wollen, deren eigentlich bevorzugte Richtung jedoch noch chancelnloser ist. Die Grünen treten beispielsweise nicht in allen Wahlkreisen an, und in den anderen werden ihre Sympathisanten vermutlich am ehesten die LibDem-Kandidaten wählen. Machtpolitisch "bedeutungslos" werden bei dem voraussichtlichen Wahlergebnis (Labour-Mehrheit) auch die Tories sein. Interessant könnte es dennoch schon dadurch werden, dass die Labour-Mehrheit deutlich knapper ausfällt als bisher. Dann müsste Blair auf einmal auch Parteiflügel einbinden, die ihm bislang herzlich egal waren. |

Martin Fehndrich
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 14. April 2005 - 21:32 Uhr: | |
@Mörsberg Hier kann man jetzt diskutieren, wo die Grenze eines Zweiparteiensystems ist. Ein Punkt ist, daß eine der beiden großen Parteien meistens über 50% der Sitze erhält. Natürlich ist es verkürzt, England ist kein reines Zweiparteiensystem (und Schottland und Nordirland noch weniger), aber trotzdem mit einer dritten 20%-Partei viel näher dran, als Deutschland mit ein bis zwei 5%-Parteien. |

Görd
| | Veröffentlicht am Sonntag, 17. April 2005 - 02:59 Uhr: | |
Ich würde von einem Drei- bzw. Mehrparteiensystem sprechen, so eine dritte Partei neben den beiden großen, realistische Chancen auf eine Machtbeteiligung hätte. |

Fragender
| | Veröffentlicht am Sonntag, 17. April 2005 - 20:34 Uhr: | |
@Görd Dann ist Bayern ein Einparteinsystem, weil seit mehr als 40 Jahren keine andere Partei als die CSU eine realistische Chance auf Machtbeteiligung hat? |

zigzag
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 21. April 2005 - 02:52 Uhr: | |
Weitere Links: "Wahl-o-mat" zum testen der eigenen Parteipräferenz: http://www.whoshouldyouvotefor.com/ Sonderseite des österreichischen Standards: http://derstandard.at/?url=/?ressort=Grossbritannien |

zigzag
| | Veröffentlicht am Samstag, 23. April 2005 - 01:02 Uhr: | |
Noch mehr Links: Anderer "Wahl-o-mat" zum testen: http://www.whodoivotefor.co.uk/en/1/wdiv4home.html Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/United_Kingdom_general_election,_2005 CNN-Special: http://edition.cnn.com/SPECIALS/2005/uk.election/ Yahoo-News: http://uk.news.yahoo.com/promo/election05_index.html Channel 4: http://www.channel4.com/news/microsites/E/election2005/ haufenweise Links: http://dowire.org/wiki/UK_elections weitere Links: http://www.psr.keele.ac.uk/area/uk/ge05.htm |

Taugenichts
Registriertes Mitglied
| | Veröffentlicht am Freitag, 29. Januar 2010 - 16:10 Uhr: | |
An welchem Datum muss denn in diesem Jahr spätestens die Unterhauswahl stattfinden? Der für sein Zaudern bekannte Gordon Brown wird den Wahltag wohl möglichst lange hinauszögern wollen, zumal er vorher noch im Untersuchungsausschuss zum Irakkrieg aussagen muss, was der ohnehin schon geringen Popularität des Premierministers wohl kaum nützen dürfte. |

zigzag
Registriertes Mitglied
| | Veröffentlicht am Freitag, 29. Januar 2010 - 16:40 Uhr: | |
Der letztmögliche Termin ist der 3. Juni. Möglicherweise wird sie mit den am 6. Mai stattfindenden Kommunalwahlen zusammengelegt. http://en.wikipedia.org/wiki/United_Kingdom_general_election,_2010#Date_of_the_election http://uselectionatlas.org/FORUM/index.php?PHPSESSID=20db4f7ffd6c5f5aeb1457ce7a14bca9&topic=58986.0 |

Thomas Frings
Registriertes Mitglied
| | Veröffentlicht am Freitag, 29. Januar 2010 - 17:57 Uhr: | |
"Der letztmögliche Termin ist der 3. Juni." Sie könnte theoretisch auch später stattfinden. Näheres: http://www.parliament.uk/commons/lib/research/rp2007/rp07-031.pdf |

Taugenichts
Registriertes Mitglied
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 04. Februar 2010 - 20:39 Uhr: | |
Vielen Dank für die Antworten! Jetzt noch eine zugegebenermaßen blöde Frage: Warum finden im Vereinigten Königreich eigentlich jedes Jahr Kommunalwahlen statt? |

Thomas Frings
Registriertes Mitglied
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 04. Februar 2010 - 21:37 Uhr: | |
Weil nicht überall gleichzeitig gewählt wird. Ist zwar in zentralistischen Ländern ungewöhnlich, aber in Italien ist das auch so. |