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WILLY
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 18:27 Uhr: | |
Eine verlockende Analyse (spiegel-online) und Eure Meinungen dazu Der Verfall der bürgerlichen Mehrheit Von Markus Deggerich Zweimal in Folge blieb die Union bei Bundestagswahlen unter 40 Prozent. Jetzt macht sich die Angst breit, dass die bürgerliche Mehrheit auf Dauer verloren sein könnte. Wenn die SPD es schafft, die PDS zu beerben, käme das einer historischen Zäsur gleich: Willy Brandts Vision von einem sozialdemokratischen Deutschland könnte Wirklichkeit werden. Berlin - Kaum hatten die Analysten das Wählerverhalten seziert, lieferte Angela Merkel schon eilfertig ihre Deutung: Keineswegs habe die Union die Wahl in Ostdeutschland verloren, sondern im Schnitt um rund einen Prozentpunkt zugelegt, sagte die CDU-Chefin mit Nachdruck. "Das ist mir sehr wichtig, wirklich wichtig, damit da keine Legenden entstehen. Das wollte ich noch mal betonen!" Merkels Angst vor der "Ost-Legende" ist begründet. Zwischen 1953 und 1994 erreichte die Union bei Bundestagswahlen regelmäßig über 40 Prozent. Das bürgerliche Lager stellte damit, strategisch gesehen, immer die Mehrheit in der Bundesrepublik. Nur dreimal blieb die Union unter 40 Prozent. Nun allerdings geschah das zum zweiten mal in Folge - und beide Male lag es am schlechten Abschneiden in Ostdeutschland. Wäre nur im Westen gewählt worden, würde nun Schwarz-Gelb regieren. "Dies kann das Ende einer wirklichen Ära der deutschen Nachkriegsgeschichte bedeuten", kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" diese Entwicklung. Genau diese Sorge treibt auch Angela Merkel um. Willy Brandts Traum scheint mit einem Mal näher zu rücken. "Deutschland wird protestantischer und sozialdemokratischer", prophezeiten viele Genossen bei der Wiedervereinigung. Doch dann musste der Mann, der schon die Zwangsvereinigung von SED und SPD im Osten beobachtet hatte, zusehen, wie seine Enkel Oskar Lafontaine und der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder mit ihrer einheitskritischen Haltung die neue Chance verstreichen ließen. Mit großen Versprechungen von "blühenden Landschaften" sammelte Helmut Kohl Anfang der neunziger Jahre die Stimmen im Osten ein. Er verlor sie erst wieder, als sich seine Träume in Luft auflösten. Der Osten macht den Kanzler Diesmal votierten die Ostdeutschen so geschlossen für die SPD, dass sie Schröder eine zweite Amtszeit ermöglichten. In Sachsen-Anhalt und in Brandenburg fielen alle zehn Wahlkreise an die SPD, in Berlin neun von zwölf (1 Grün, 2 PDS), in Thüringen neun von zehn, in Mecklenburg-Vorpommern fünf von sieben (2 CDU), lediglich in Sachsen lag die CDU (13) deutlich vor den Sozialdemokraten (4). Überhangmandate aus dem Osten erhöhen zudem den knappen Vorsprung. Nach der Analyse von "Infratest dimap" hat die SPD per saldo rund 300.000 Ost-Wähler dazugewinnen können. Insgesamt verbesserte sie ihren Stimmenanteil hier im Vergleich zu 1998 (35,1 Prozent) um 4,6 Prozentpunkte, während sie im Westen vier Prozentpunkte verloren. Die Union hat im Osten nur einen Punkt zugelegt, im Westen jedoch 3,8. Bisher hatten weder Union noch SPD den Osten langfristig an sich binden können. Die Parteientreue in den neuen Ländern ist noch schwächer ausgeprägt als im Westen. Allein im Ruhrgebiet hat die SPD mehr Mitglieder als in allen fünf Ost-Ländern zusammen. Zudem konkurrierten sie östlich der Elbe mit einer dritten Volkspartei, der PDS. Doch jetzt hat sich die Situation gewandelt. Durch den heftigen Einbruch der Post-Sozialisten bietet sich den Genossen eine historische Chance: Eine strukturelle Mehrheit in Gesamtdeutschland -auf Dauer. Nach Ansicht des Politologen Everhard Holtmann aus Halle ist die Zukunft der PDS trotz ihrer herben Niederlage bei der Bundestagswahl zwar weiterhin offen: "Es ist noch zu früh, um die Totenglocken zu läuten", sagt er. Doch das Schrumpfen auf zwei Abgeordnete im Bundestag werde der Partei langfristig zu schaffen machen. Das Projekt einer neuen sozialistischen Partei aus dem Reformflügel der PDS heraus hält Holtmann für wenig aussichtsreich. Es sei illusorisch zu glauben, dass die PDS einen nennenswerten Teil des linken SPD-Flügels für sich gewinnen könnte. Durch das enorme Engagement der Bundesregierung bei der Hochwasserkatastrophe habe die PDS auch ihren Anspruch als Alleinvertreterin ostdeutscher Interessen verloren, sagt Holtmann. Die Stammwählerschaft ist überaltert. So wurde der Weg frei für die seit 1990 im Osten "schon immer starke Grundsympathie für die SPD", heißt es in der Analyse des Weimarer Politik-Instituts apropro! Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wittert die Chance. Der SPD-Vize fordert eine "angemessene Beteiligung ostdeutscher SPD-Politiker am neuen Bundeskabinett". Der Erfolg im Osten verpflichte die SPD, nun mit aller Anstrengung den Aufbau Ost weiter voran zu bringen, etwa bei den Schäden der Flutkatastrophe oder der Angleichung von Löhnen und Gehältern im öffentlichen Dienst. Die Idee dürfte Finanzminister Hans Eichel angesichts leerer Kassen wenig freuen, aber Thierse geht es um das unausgesprochene Ziel: Im Rennen um das PDS-Erbe den Startvorteil zu nutzen und die SPD langfristig im Osten zu verankern. Freundliche Übernahme Auch Brandenburgs SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck verkündet schon mal die Wiedervereinigung: Im regionalen Fernsehen bot er PDS-Mitgliedern, "die sozialdemokratisch ticken", generös an, sie sollten doch zur SPD kommen: "Ihnen steht die Tür offen." Der Kanzler gibt Schützenhilfe: "Seit ich vor Ort war, bin ich den Menschen dort innerlich verbunden." Von der Chefsache zur Gefühlssache. Der ostdeutsche Soziologe und Autor Wolfgang Engler glaubt an eine doppelte Chance: Der Osten werde lernen und die SPD auch. Zu lange hätten die West-Parteien Ostelbien nur als "Jammertal" und "Fass ohne Boden" verstanden. Dabei "ist der Osten Avantgarde", behauptet Engler. Denn man sei dem Westen um eine fundamentale Erfahrung voraus: Der Osten weiß, wie es ist, wenn ein System zusammenbricht. Jeder habe längst registriert, dass es kein Zurück zum Beschäftigungs- und Industrialisierungsgrad von vor 1990 gibt. Die Union spürt, dass die SPD im Osten nun im Vorteil ist. Mit der Flut trat wieder ins Bewusstsein, dass nationale Kraftakte nur durch das Zusammenspiel zweier Faktoren bewältigt werden: Gemeinschaftssinn und einen handlungsfähigen Staat. "Dieser politische Klimawechsel verstörte das liberale Lager bis tief in die Reihen von CDU und CSU und blamierte eine politische Philosophie, die den Staat verächtlich macht und das Individuum vergöttert", notierte die "Frankfurter Rundschau". Dass Edmund Stoiber in den Flut-Zeiten durchschaubar egoistisch nur ostdeutsche CDU-Ministerpräsidenten zum Krisentreffen lud, gilt in der Unions-Analyse des Wahlkampfes bereits als einer der schweren Fehler. Merkel wittert die Gefahr Doch auch die SPD kann sich nicht sicher fühlen. Es ist die Union, die als erste Volkspartei eine Ostdeutsche an ihrer Spitze hat, und Angela Merkel, die das strategische Ost-Problem erkannt hat, baute mit der Übernahme des Fraktionsvorsitzes ihre Macht aus. Sie wird nicht tatenlos zusehen, wie die Genossen im Osten ihre Macht auf Dauer zementieren könnten. Noch hat keine der beiden Volksparteien die Wähler im Osten dauerhaft gebunden. Die Wahlbeteiligung ist bei diesem Urnengang vor allem in den neuen Ländern weiter geschrumpft. Mit sieben Prozentpunkten Zuwachs lautet der größte Gewinner östlich der Elbe: die Nichtwähler. |

Cro Magnon
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 18:44 Uhr: | |
Und wie war doch gleich nochmal die letzte Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (April 2002) ausgegangen? Ach ja, die SPD fiel von 35,9 auf 20 %. Merkwürdiger Zement. Ich würde nicht darauf bauen. |

Stephan Glutsch
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 18:49 Uhr: | |
WILLY, das war in dem Forum alles schon diskutiert worden. Es wird in dem Artikel aber verschwiegen, welchem Umstand die SPD das verdankt: 40 Jahren SED-Diktatur. SPD und SED haben auch vor dem Fall der Mauer schon ganz gut zusammengearbeitet, um Willy Brands Traum t´zu verwirklichen. |

Stoiber
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 19:21 Uhr: | |
Dass die Union unter 40% blieb hatte 2 Gründe: - Der Fersehkanzler-Bonus hat viele bürgerliche wieder dazu verleitet SPD zu wählen. - Vollig unsinnige Kleinstaaterei vieler Nord-und Ostdeutscher die einfach grundsätzlich einen Bayer ablehen. Im Zeitraum von Januar bis Juli hätte die Union fast immer über 40% gehabt, zwei kurzfristige Ereignisse haben zu einem anderen Ergebnis geführt zusammen mit den zwei Gründen oben. Die Ernüchterung wird wieder schnell da sein (besonders im Osten), wenn z.B. Eichel den blaunen Brief aus Brüssel bekommt trotz Sparpolitik, wo wäre man dann bitte ohne Sparpolitik? Irgendwas stimmt also insgesamt an der Wirtschaftspolitik nicht. |

Michael
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 19:36 Uhr: | |
@Stoiber, Stephan Ich denke, man muss die Situation etwas differenzierter sehen. In den alten Bundesrepublik West hatten die bürgerlichen Parteien eine strukturelle Mehrheit. Dies ist auch heute noch vorhanden. Allein bezogen auf Westdeutschland hätten Union und FDP gewonnen. Allerdings war das Ergebnis der Union mit 40,9& im Westen, verglichen mit vorherigen Ergebnissen, auch sehr schlecht, ohne das herausragende Ergebnis der CSU wäre es sogar sehr schlecht gewesen. Heute haben wir ein strukturelles Patt. Das Übergewicht der bürgerlichen Parteien im Westen wird kompensiert durch den Osten. Dort wählen die Menschen bedingt durch ihre soziale Situation überwiegend links. Das ist aber kein Dauerzustand, so wie es im Spiegel-Artikel auch ausgeführt ist, da ein Großteil der Wähler im Osten parteipolitisch ungebunden ist. Bei den letzten beiden BTW haben sie SPD gewählt, muss aber kein Dauerzustand sein. Ich denke, dass sich auf Dauer gesehen die beiden Wahlgebiete wieder angleichen werden. Im Westen wird die bürgerliche Mehrheit weiter erodieren, im Osten wird die Gesellschaft sich weiter differenzieren und damit ein stärkeres Fundament für die bürgerlichen Parteien ergeben. Und noch zwei Punkte: @Stephan SED und SPD sollten als Argument out sein. Dem Osten sind 1990 von Kohl blühende Landschaften versprochen worden. Die stellen sich nicht über Nacht ein. Als das Osten bemerkt wurde, hat die CDU die Quittung bekommen. @Stoiber Ich glaube nicht, dass man die Niederlage der Union nur auf Flut und Irak zurückführen 1998 war kein Betriebsunfall. Der Umschwung war so massiv,dass es selbst bei der schwierigen Wirtschaftslage der Union nicht gelungen ist, an der SPD vorbeizuziehen. |

Stephan Glutsch
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 21:34 Uhr: | |
Michael, "Dort wählen die Menschen bedingt durch ihre soziale Situation überwiegend links." Das allein reicht zur Erklaerung nicht aus. Auch die, die Arbeit haben und in wirtschaftlich einigermassen starken Regionen wohnen, waehlen ueberwiegend links. Der Grund ist, dass sie sich den Staat nur als Versorgungsstaat vorstellen koennen, "der fuer die kleinen Leute mehr tun sollte." Das ist das Problem: Der Staat soll etwas tun gegen die Arbeitslosigkeit, gegen das Hochwasser, usw. In den USA habe ich so gut wie nie Kritik gehoert, der Staat tue zu wenig, und man hat den Eindruck, die wichtigste Aufgabe der Regierung sei Verteidigung. Man darf den Einfluss von Erziehung nicht unterschaetzen, und ab einem bestimmten Alter (ca. 35) aendern sich Menschen kaum noch. Die ueber 50 jaehrigen sind sozialistisch gepraegt und muessen erst rauswachsen. Und wer waechst dafuer nach? Da bin ich auch skeptisch. |

Michael
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 21:57 Uhr: | |
@Stephan Man darf ein europäisches Land wie Deutschland nicht mit den USA vergleichen. Mentalität und Geschichte sind unterschiedlich. Die Europäer haben mehr Ansprüche an den Staat. Dass der Staat keine Arbeitsplätze schaffen kann und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur bedingt beeinflussen kann, ahnen oder wissen die meisten Bürger. Aber sie erwarten dafür vom Staat ein gutes Bildungssystem, ein effizientes Gesundheitssystem und ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz. Dies sind gerade die Bereiche, wo zum Beispiel in den USA vieles im Argen liegt. In GB sind in den 80er Jahren mit Bracchialgewalt Reformen durchgeführt worden. Es ist im großen Umfang privatisiert worden. Das hat der britischen Wirtschaft genutzt. Der öffentliche Sektor ist aber drastisch verfallen. Der Wahlsieg 1997 von Labour war vor allem auf die Unzufriedenheit mit den Öffentlichen Diensten zurückzuführen. Wenn wir einen inaktiven Staat wie in den USA wollen, dann müssen wir uns auch auf Dienstleistungen und Infrastrukturen wie in den USA einstellen. Wollen wir das? |

Bernhard Nowak
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 22:50 Uhr: | |
Genau dies ist es. Einen "schwachen Staat", dies haben Müntefering und Schröder zu recht gesagt, können sich nur die Reichen leisten. Wer einen effektiven und funktionierenden Staat (der Begriff "effektiver Staat" kommt übrigens von Putin)haben möchte, muss auch dazu beitragen. Im übrigen sind gerade in den USA und in den ach so als Vorbild hingestellten Niederlanden zum Teil Arbeitsplätze entstanden, von denen man nicht leben kann. Dies haben wir überwiegend noch nicht. Was nützen Billiglohnjobs, die massenweise in Rezessionen wieder abgebaut werden. Wir können in der Tat den schwachen oder "inaktiven" Staat bekommen - aber zu welchem Preis? Meine Freundin erlebte in den USA, dass über 80-jährige Frauen auf sie zutraten, um ihr die Tasche zu tragen - um sich etwas dazu zu verdienen. Es müsste umgekehrt sein. Dieses Land möchte ich so nicht !!!! |

Stephan Glutsch
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 26. September 2002 - 23:22 Uhr: | |
Michael, bei den Hochschulen kann es kaum schlechter sein als in Deutschland. Die hat die Politik systematisch kaputtgespart. Alle, die einmal in den raubtierkapitalistischen USA waren, wuenschen sich auf dem Gebiet amerikanische Verhaeltnisse. Die Schulbildung ist, wie sich jetzt gezeigt hat, bei uns auch nicht besser. In den USA sind Lehrer allerdings nicht verbeamtet und verdienen weniger. Mit dem Gesundheitssystem wuerde ich noch ein paar Jahre warten. Fuer den Personenverkehr ist eine Eisenbahn nicht rentabel, da die Entfernungen viel zu gross sind. Busse und Flugzeuge sind da billiger. Wenn die Buerger ein gutes Bildungssystem und ein effizientes Gesundheitssystem erwarten, warum waehlen sie dann ausgerechnet SPD? Blair ist wirklich ein Gluecksfall fuer England. Er redet zwar sozialdemokratisch, hat aber keine der Reformen von Thatcher rueckgaengig gemacht. Heute habe ich im Radio gehoert, Labour hat die Kuschelpaedagogik und antiautoritaere Erziehung wieder abgeschafft, weil man eingesehen hat, dass es nicht funktioniert. Trotz Schroeder-Blair-Papier: Die Gegensaetze zwischen SPD und Labour koennten kaum groesser sein. Wollen wir das? Das haengt davon ab, wen Du mit "wir" meinst. Ich habe gehoert, dass es bei der Ausreise aus der Ukraine drei Schlangen gibt: Juden, Spaetaussiedler und Hochqualifizierte. Und ein solcher Strom setzt sich auch von hier nach USA in Bewegung. Es ist geradezu typisch, dass Nobelpreistraeger in Deutschland aufgewachsen sind und jetzt in den USA leben. Dort wird fuer die Wissenschaft gemessen am Bruttosozialprodukt doppelt soviel Geld ausgegeben. Die SPD-Bildungsministerin wollte allen Ernstes eine Praemie fuer Wissenschaftler zahlen, die aus den USA zurueckkommen. Sie hat das Problem nicht verstanden. Es muessten hier nur die Bedingungen verbessert werden. Ich habe gelesen, die Sozialausgaben fuer Asylanten sind genauso hoch wie die Ausgaben fuer Wissenschaft. Die Asylanten werden unser Land in Zukunft sicher nicht voranbringen. Ich weiss nicht, was hier passieren wird, wenn jeder einen Rentner miternaehren muss. Leider gibt es keine Webseite, die man anklicken kann, um zu sehen, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird. Ich vermute, den USA wird es besser gehen als uns, denn sie haben in der Vergangenheit nahezu alle Probleme loesen koennen. Deshalb ist die ganze Welt neidisch auf sie. Soviel Erfahrung habe ich aus der DDR, dass ich intuitiv genau das Gegenteil tun wuerde von dem, was Frau Buhlmahn vorschlaegt, und deshalb schaue mich schon einmal um: http://tiptop.iop.org/ |

Ingo Rau
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 11:26 Uhr: | |
@Stephan, ich glaube nicht, daß sich jeder im Bereich der Unis amerikanische Verhältnisse wünscht. Wir haben einfach einen anderen Ansatz: Möglichst gleich gute Bildungschancen in allen Gebieten des Landes. Das Niveau der Unis ist viel ausgeglichener als in den USA. Die besten Unis dort sind sicher um einiges besser als unsere - aber jeder amerikanische Prof wird bestätigen, daß die durchschnittliche US-Provinz-Uni ein weit niedrigeres Niveau als deutsche Unis hat. Es ist ohne Zweifel einiges falsch gemacht worden bei uns, aber keiner soll denken, daß man ein hervorragendes Niveau einiger Unis mit einem immer noch sehr guten Niveau der restlichen Unis verbinden kann. Also, es gibt zwar viel Reformbedarf in der Bildungspolitik, aber man muß sich vorher entscheiden: Relativ gleichmäßiges Niveau für alle oder starke Förderung von Elite-Unis - beides is nich... Und noch was zu den "strukturellen Mehrheiten": Der Osten mag zwar unstetiger wählen als der Westen, dennoch sind die Analysen des Spiegels nicht völlig aus der Luft geholt. Immerhin hatten schon 1990 die Wahlforscher eine starke SPD-Tendenz vermutet - der Dank an Kohl für die Wiedervereinigung war größer. Doch jetzt könnten sich tatsächlich die alten sozialdemokratischen Strukturen auf Dauer in die Pole Position befördern - vor allem wenn die PDS zerfällt. |

mgs
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 12:20 Uhr: | |
Die Wahl ist keine Woche her, und schon hoere ich allenthalben das Wort "dauerhafte Pole Position" etc. Bleibt doch mal auf dem Boden. Kohl hatte seine 8 Jahre und ist dann abgestraft worden. Schroeder ist nach 4 Jahren ganz knapp nicht abgestraft worden. Es gehoert schon eine Menge Kaffeesatz dazu, jetzt nach wenigen Tagen zu behaupten, das alles wuerde erst der Anfang einer grossen sozialdemokratischen Aera sein. Na klar, wer weiss, es kann so sein, aber es kann auch ganz anders kommen. Auch in dem Artikel wird ja erwaehnt, dass Merkel das sehr wohl erkannt hat, dass die CDU den Osten nicht verlieren darf. Die momentane Staerke der SPD liegt darin, dass sie so einen medientauglichen oeffentlichkeitswirksamen Kanzler hat. Der bringt halt einen Bonus, selbst in schlechten Zeiten. Ich bin mir uebrigens fast sicher, dass Schroeder auch 1994 schon gewonnen haette, weil er einfach der Kandidat war den die Leute wollen. Ebenso haette es Lafontaine 1998 nicht geschafft oder zumindest viel schwerer gehabt, weil die Leute gesagt haetten, so einen Klaeffer wie den wollen wir nicht. Und so hat, bei allem politischen Rueckenwind, Stoiber es eben nicht geschafft, den Osten und Norden auf seine Seite zu bringen. Schroeder ist wegen der Sympathien die er hat offensichtlich schwer ueberwindbar, aber mit einer strukturellen dauerhaften Mehrheit der SPD hat das meiner Ansicht nach nichts zu tun. |

Michael
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 12:36 Uhr: | |
@mgs Sicher hat die SPD keine dauerhafte strukturelle Mehrheit. Wir haben im Moment eine Situation, dass 1998, nach 16 Jahren CDU-Herrschaft, die Wähler genug hatten von der Politik der Union und sie deshalb massiv abgewählt haben. Und Schröder hatte 1998 soviel Kredit, dass er jetzt noch davon gezehrt hat, obgleich die wirtschaftlichen Rahmendaten in diesem Jahr wirklich sehr schlecht sind. Das kann aber in vier Jahren ganz anders aussehen. Bei ähnlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie in diesem Jahr wird die SPD abgewählt. Wie die Wahlen 1994 und 1998 ausgegangen sind, ist eine hypothetische Frage. Ich denke auch, dass die SPD mit Schröder 1994 besser abgeschnitten, und 1998 hätte sie selbst mit Lafontaine eine Chance gehabt zu gewinnen, weil die Leute einfach von Kohl genug hatten. |

anna
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 14:57 Uhr: | |
@Michael: "...die Wähler genug hatten von der Politik der Union und sie deshalb massiv abgewählt haben." Ich habe zu denen gehört, die nicht von der Politk der Union genug hatten, sondern von Kohl. Auch ich habe damals einen Kanzler abwählen wollen, sowie bei dieser Wahl ein Kanzler Schröder gewählt wurde. Weniger seine Politik, sondern einfach seine sympathische Art wurde sicherlich von vielen gewählt. Immerhin polarisiert Stoiber aus Bayern und seiner steifen Art ja auch in der Sympathiefrage extrem, wie ja auch schon von mgs erwähnt wurde. |

Hohlmeier und bring sie ja nicht wieder
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 17:00 Uhr: | |
Wenn die Buerger ein gutes Bildungssystem und ein effizientes Gesundheitssystem erwarten, warum waehlen sie dann ausgerechnet SPD? (glutsch) Die Beantwortung einer Frage, wie sie so nur ein ahnungsloser Rechtsliberaler stellen kann: 1. Die Bürger erwarten ein qualitativ hochwertiges Gesundheitssystem ohne soziale Schranken. Das können Union und besonders FDP nicht garantieren, wie ihre Vorstellungen zur Gesundheitsreform beweisen (Erklärungen würden jetzt den Rahmen sprengen). 2. Die Bürger erwarten ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem ohen soziale Schranken. Die nötigen Reformen werden Jahre dauern, und sind, wenn überhaupt, nur unter sozialdemokratischer Führung möglich. Als Richtschnur der Reformen sollte PISA-Sieger Finnland dienen. Das finnische Schulwesen basiert auf dem Schulgesetz von 1968, die Umsetzung im Geiste diese Jahres erfolgte von 1972-75 gegen den erbitterten Widerstand von Gymnasiallehrern und konservativen Kräften. Die Grundzüge: freiwillige Vorschule mit dem, was Glutsch Kuschelpädagogik nennen würde; verpflichende, flächendeckende GESAMTSCHULE und GANZTAGSSCHULE (9-10 Jahre lernen alle Kinder gemeinsam), anschließend 3 Jahre gymnasiale Oberstufe (55%) oder Berufsschule (35%), anschließend Uni oder eigenständige Fachhochschulen; kein Sitzenbleiben, Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, Psychologen, Familienhilfe; kein lehrerzentrierter Frontalunterricht; bis in die Universität hinein wird großer Wert auf soziale und ethische Aspekte gelegt (im Sinne eines SOZIALDEMOKRATISCH geprägten Landes); vepflichtende, kontinuierliche Lehrerfortbildung, praxisorientiertere Lehrerausbildung, mehr Mittel von den Gyms in die Grundschulen, starkes Gewicht auf Sprachförderung, spezielle Förderung von Schwachen und Migrantenkindern; staatlich finanziertes Bildungswesen mit guter finanzieller Ausbildunghilfe/Wohngeld für Oberstufenschüler, Berufsschüler und Studenten; Staat garantiert möglichst gleiches Bildungsniveau in allen Regionen. Die ausführliche Darstellung des finnischen Schulswesens würde den Rahmen sprengen, sich damit zu befassen lohnt sich aber besonders für alle, die Bayern für ein Vorbild halten und das vollkommen verlotterte Bildungswesen der USA preisen. |

Monika Hohlkopf
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 17:15 Uhr: | |
Ach ja, noch etwas, daß Glutschs Weltbild erschüttern wird: In den ersten vier Jahren der finnischen Gesamtschule gibt es keine Noten, in den Jahren 5 und 6 bleibt das der Schule überlassen, die allermeisten verzichten weiter darauf. |

Lehrer Goppel
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 17:19 Uhr: | |
Fazit: In Deutschland (vor allem in Bayern) werden die Kinder der Schule angepaßt, in Finnland die Schule den Kindern. |

Monika Hohlkopf
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 17:21 Uhr: | |
Das paßt sogar zum Thema: Wenn Deutschland sozialdemokratischer und protestantischer wird, brechen die strukturellen und kulturellen Widerstände auf dem Weg zu einem besseren Bildungswesen weg. |

Stephan Glutsch
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 18:37 Uhr: | |
Hohlmeier und Hohlkopf, das ist reine Stimmungsmache, Niveau unterhalb von Grün, soger noch unterhalb von Rot, wahrscheinlich GEW. Übrigens hat die GEW zunächst die Veröffentlichung der Pisa-Studie zu verhindern versucht. Dann haben wirklich ihre Vertreter behauptet, man könne unterschiedliche Bundesländer nicht vergleichen. (Das Wort "komplex" ist häufig gefallen.) Nun spielt sie sich als Retter auf - ziemlich lächerlich. Mit den Fakten hat das nichts zu tun. Es ist ja nicht nur Finnland besser als Deutschland. Da wird einfach irgend etwas herausgegriffen, was den linken Gleichmachern in den Kram paßt. Die Ganztagsschulen habe ihren Grund im wesentlichen in der dünnen Besiedlung Finnlands. In Deutschland sind Gesamtschulen jedenfalls schlechter als das dreigliedrige Schulsystem, und es ist evident, daß die Ergebnisse der SPD-regierten Länder schlechter sind als die der CDU-regierten. Das kann auch gar nicht anders sein. Durch bessere Schulbildung würden die Schulabgänger besser auf die Arbeitswelt vorbereitet und nicht immer nach staatlicher Fürsorge schreien. Wenn ich der SPD einen Rat geben kann, dann auf keien Fall mehr für die Bildung tun, bestenfalls Halbbildung - "Problembewußtsein" statt Lösungsbewußtsein, "Waldsterben", "Neue Armut" -, denn das Schulsystem muß ja ständig lebensuntüchtige und realitätsferne rot-grüne Wähler reproduzieren. Der einzige Weg, die CSU in Bayern abzulösen, ist die Zerschlagung des Bildungssystems. Die Erebnisse der USA sind besser als die der SPD-Länder. Die Lehrer sind dort allerdings nicht verbeamtet. Mir ist aufgefallen, daß das Wissen von Amerikanern stärker praxisorientiert ist. Deutsche Schüler sind besser im Nachplappern. Wenn ich diese Propaganda hier lese, dann kann ich mir das auch gut vorstellen. Lehrer Goppel, man kann nicht die ganze Gesellschaft den Kindern anpassen. Die Jugendlichen werden heute immer später erwachsen, manche kommen nie an, wenn der Ernst des Lebens immer weiter hinausgeschoben wird. Überhaupt erinnert mich die Präsentation der Grünen an die Sesamstraße. |

Ingo Rau
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 20:46 Uhr: | |
@Stephan Also Halbbildung = lebensuntüchtige und realitätsferne rot-grüne Wähler. Wie sind dann folgende Zahlen zum Wahlverhalten zu bewerten (infratest dimap, stehen im Spiegel Spezial)? Hohe Bildung: SPD 33, CDU/CSU 34, GRÜ 17 FDP 9 Mittlere: SPD 36, CDU/CSU 40, GRÜ 8, FDP 7 Niedrige: SPD 42, CDU/CSU 43, GRÜ 4, FDP 5 Auch unter Studenten sind die Zahlen für die Grünen signifikant höher - da habe ich keine Zahlen, aber stark studentisch geprägte Städte wie Freiburg (im schwarzen BW), Münster (im schwarzen Münsterland), etc. zeigen das deutlich. Also, je höher die Bildung, desto eher verfängt die "Sesamstraßen"-Präsentation der Grünen?!? Wahrscheinlich ist das für sie schon die Folge der schlechten Bildungspolitik - is klar... Und welche Partei dieses Mal einen Sesamstraßen-Wahlkampf gemacht hat, darüber besteht ja von in allen politischen Lagern ziemliche Einigkeit. |

Sole
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 22:06 Uhr: | |
"Die Lehrer sind dort allerdings nicht verbeamtet." Hier mehrheitlich auch nicht. "Mir ist aufgefallen, daß das Wissen von Amerikanern stärker praxisorientiert ist." Mir ist aufgefallen, dass amerikanische Altersgenossen in der Regel wissen was man ihnen abfordert. Und das hat mit Praxis meist so wenig zu tun wie bei uns. Ansonsten geht mir langsam das Geleier von "sozialismusgeschädigten" Wählern und Leuten, die blöd sein müssen weil sie nicht die Glubsch-Partei gewählt haben mächtig auf den Keks. |

Martin
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 22:54 Uhr: | |
Eine Frage zur Ost - West - Statistik im Spiegel: Laut Spiegel - Sonderheft hat Schwarz-Gelb im Westen einen Vorsprung von 0,9 % gegenüber Rot-Grün. Aufgrund dieser Statistik behaupten jetzt einige, in der alten Bundesrepublik hätte Schwarz-Gelb die Wahl gewonnen. Ich bin mir da nicht so sicher, denn mir ist nicht klar, ob West-Berlin in dieser Statistik dem Westen oder dem Osten zugeordnet ist. Wenn man das Bild auf Seite 34 im Spiegel - Sonderheft betrachtet, dann ist West-Berlin offenbar in der Ost-Statisik enthalten. Da in in Westberlin Rot - Grün sicherlich deutlich besser abgeschnitten hat als Schwarz-Gelb, dürfte das Zweitstimmenergebnis ziemlich ausgeglichen sein. Das Hamburger Überhangmandat hätte in diesem Fall sogar eine Mehrheit von Rot-Grün in der alten Bundesrepublik bewirken können. |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Freitag, 27. September 2002 - 23:17 Uhr: | |
Schwarz-Gelb bekam in Westdeutschland ohne Berlin 48,60% (inkl. West-Berlin 48,36%), Rot-Grün 47,53% (mit W-Berlin 47,67%). Allerdings haben alle Linksparteien, also Rot-Grün und PDS zusammen, mehr Stimmen als Schwarz-Gelb. Die Differenz beträgt aber in Westdeutschland ohne Westberlin nur 3043 Stimmen. |

Martin
| | Veröffentlicht am Samstag, 28. September 2002 - 00:30 Uhr: | |
Wo gibt es diese auf 0,01% genauen Ergebnisse ? Oder hast du das selbst aus den absoluten Stimmenzahlen ausgerechntet ? Ist eine exakte Unterscheidung der Ergebnisse zwischen Ost- und Westberlin wegen der "grenzüberschreitenden" Wahlbezirke überhaupt noch möglich ? |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Samstag, 28. September 2002 - 00:42 Uhr: | |
Ich habe mit absoluten Stimmzahlen selbst gerechnet. Zahlen getrennt für Ost- und Westberlin gibt es auf der Seite des Berliner Landeswahlleiters. |

Christian
| | Veröffentlicht am Samstag, 28. September 2002 - 00:50 Uhr: | |
zu Thomas und Martin: Naja, das West-Berliner-Wahlergebnis ist ja vom Landeswahlleiter veröffentlich worden (www.statistik-berlin.de). NUR: Die SPD hätte danach mit etwas über 35% in West-Berlin sämtliche Wahlkreise gewonnen. Das wären 2 eher 3 Überhangmandate geworden. Bei einem schwarz-gelben Vorsprung von 0,75% hätten die dann 4 Überhangmandate der SPD die schwarz-gelbe Mehrheit neutralisiert oder sogar zu einer rot-grünen Mehrheit gekippt. Und dann hätten wir den "worst-case" unseres Wahlrechtes mit den Überhangmandaten.... |
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