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Mörsberg
Veröffentlicht am Montag, 19. Juli 2004 - 13:45 Uhr:   

Nach den Resultaten der beiden jüngsten Nachwahlen zum britischen Unterhaus, in denen die Liberal Democrats jeweils massiv in Labour-Hochburgen einbrechen konnten und einen Sitz dazugewannen, scheint ein Hanging Parliament ohne eindeutige Mehrheitsfraktion nach der nächsten Wahl nicht mehr ausgeschlossen. Sollte sich der derzeitige Trend bestätigen, dann könnten Labour auf ca. 1/3 der Stimmen schrumpfen, die Tories würden kaum Boden gut machen und ein ähnliches Niveau erreichen, während die Liberaldemokraten auf 25% zulegen könnten. Damit kämen vermutlich auch die Mandatsverhältnisse erheblich in Bewegung, und zwar so, dass die bislang 55 LibDem-Sitze sich mindestens verdoppeln, was dann zusammen mit ca. 20 Sonstigen (SNP/PC, Nordiren, Unabhängige) weder Labour noch den Tories zu einer eigenen Mehrheit reichen würde.
Neben den unbestreitbaren Herausforderungen an die politische Kultur sind vor allem folgende Dinge entscheidend: Einerseits gibt es in FPTP-Systemen Schwellenwerte, bei deren Überschreiten die Mandatszahlen für einzelne Parteien sprunghaft ansteigen. Das ist zwar bekannt und erwünscht, doch die Möglichkeit dreier annähernd gleichstarker Gruppierungen ist eigentlich nicht "vorgesehen". Schon ein Näherrücken dieser Situation könnte die Wahlrechtsdiskussion im UK befördern. Andererseits tritt für die Liberaldemokraten nun eine zusätzliche Hürde auf, da mehr als 100 aussichtsreiche Wahlkreise in ihrer Strategie bislang auch nicht eingeplant sind. Sie sind es von jeher gewohnt, Mittel und Aufwand auf wenige Hochburgen zu konzentrieren, um die Möglichkeiten des Systems für eine 15-20%-Partei so optimal auszureizen. Für Nachwahlen ist dieser Ansatz natürlich sowieso eher günstig. Sollte ein entsprechender Strategiewechsel scheitern, könnte man auch davon sprechen, dass die Anforderungen für wachsende Parteien und ihre Wähler bei FPTP zu hoch sind, weil dann mit einem Mal entgegengesetztes taktisches Verhalten gefragt ist.

Übrigens stellt sich eine ähnliche Strategiefrage auch für die deutschen Grünen in abgeschwächter Form (Erststimmenwahlkampf in Hochburgen).
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Montag, 19. Juli 2004 - 14:52 Uhr:   

Ich halte solche Schlüsse für sehr voreilig: Einmal ist es nichts neues, daß die REgierung bei Nachwahlen schlecht abschneidet. Die Trries gewannen in den 18 Jahren REgierungszeit von 1979 bis 1997 keine einzige Nachwahl- auch nicht in ausgesprochenen Hochburgen. Bei der nächsten Unterhauswahl holten sie ihre Hochburgen aber in der Regel wieder zurück. Im Vergleich zu Vorgängern ist Blair bisher bei Nachwahlen sehr gut weggekommen.
Zum anderen ist die Opposition ausgesprochen schwach und die WAhlkreiseinteilung bevorzugt Labour ganz erheblich. Ich habe mal ausgerechnet, was bei einem Stimmengleichstand für Konservative und Labour rauskäme. Dazu habe ich den Stimmenanteil für Labour (42% ohne Nordirland) und Konservative (32,7%) einfach in allen Wahlkreisen um 4,65% runter- bzw. hochgesetzt. Das Ergebnis: Immer noch 365 Sitze für Labour.
Ich bin absolut sicher, daß Labour noch mindestens einmal die absolute Mehrheit bekommt.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Montag, 19. Juli 2004 - 16:24 Uhr:   

Ein schlichtes Umrechnen von Trends hilft in GB nicht so viel weiter, zu unterschiedlich sind die Auswirkungen gerade in knappen Wahlkreisen.
Auch Nachwahlergebnisse sind nur schwer vergleichbar, es kommt immer sehr darauf an, was für Wahlkreise betroffen sind.

Insbesondere kommt die "Hauptgefahr" für Labour derzeit eben nicht von den Konservativen, gegen die sie bei einer nationalen Wahl immer ganz gut ihre Anhänger mobilisieren können - sondern eben neuerdings von den LibDems. Und das ist nun eine Fusion aus Liberalen und Sozialdemokraten. Die ersteren halten weiterhin die klassischen Hochburgen z. B. in Schottland, Cornwall oder im Londoner Umfeld.
Und die zweiteren dominieren gerade in den klassischen Labour-Hochburgen, gerade für linke Wähler ist es nur ein kleiner, leichter Schritt zu ihnen zu wechseln.

Im Prinzip wäre es also schon möglich, daß die LibDems stark auf Kosten von Labour gewinnen und dann ein "Hung Parliament" kommt.
Und nachdem bei den Regionalwahlen und der Europawahl schon der Schritt zum Verhältniswahlrecht gegangen wurde, wäre bei einem Verlust der absoluten Labour-Mehrheit auch für Westminster die Ablösung des alten Wahlrechts zu erwarten.

Aber es gibt da noch diverse Probleme:
Wie schon Mörsberg richtig bemerkt, werden die LibDems nur mit Mühe die Ressourcen für so eine Ausdehnung zusammen bekommen.
Vor allem aber müssen sie dann auch eine strategische Wende machen und gezielt Labour-Wahlkreise angreifen.
Bei der letzten Wahl gab es dagegen eine großangelegte Aktion, sich gegenseitig in kritischen Wahlkreisen gegen die Tories zu stützen.
Wenn das wegen einer Labour-LibDem-Rivalität wegfiele, könnten die ansonsten schwächlich vor sich hin dümpelnden Tories die lachenden Dritten sein.
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Martin Fehndrich
Veröffentlicht am Montag, 19. Juli 2004 - 22:14 Uhr:   

Die Ressorcen dürften die LibDems haben, sie kandideren wie Tories und Labour praktisch in jedem Wahlkreis und in einigen Städten stellen sie den kompletten Stadtrat (Mehrheitswahl eben).

Die großangelegte Labour-LibDem Aktion war doch auch weitgehend auf die Ebene der Basis beschränkt (Erstaunlich genug, bei einer Labour-Regierung).
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 01:57 Uhr:   

Die Vorstellung, Die LibDems könnten Labour gefährlich werden, ist m.E. ziemlich abwegig. Zum einen sagen irgendwelche Nach- und Kommunalwahlen wenig aus- da haben sie auch in der Vergangenheit sehr gut abgeschnitten, aber das bei Parlamentswahlen nicht wiederholen können. Zudem muß man die extrem niedrige Wahlbeteligung berücksichtigen- die vor allem Labour schadet.
Die LibDems haben auch das Pech, dort stark zu sein, wo die Konservativen auch stark sind. Das ist auch der Grund für die relativ hohen Sitzzahlen 1997 und 2001. Durch das historische Tief der Tories konnten sie trotz stagnierenden Stimmenanteils beträchtlich zulegen. In den Labour-Wahlkreisen sind die Liberalen dagegen ziemlich schwach: Dort lagen sie 2001 durchschnittlich 40 Prozentpunkte hinter Labour, nur in 11 Labour- Wahlkreisen (von 413 insgesamt) war der Rückstand der Liberalen kleiner als 20 Prozentpunkte. Es ist für die Liberalen also fast unmöglich , Labour in großer Zahl Sitze wegzunehmen. Zur Veranschaulichung noch ein Rechenexempel: Unterstellt, ein Viertel der Labour-Wähler von 2001 liefe zu den Liberalen über und sonst würde sich nichts ändern, sähe das Ergebnis so aus (Stimmenanteile ohne Nordirland):

Cons 32,7%/230 Sitze
Labour 31,5%/328
LibDems 29,3%/71
SNP 6
PC 5
Unabh. 1
(Nordiren 18)

Hinreichend deutlich wird, daß die relative Mehrheitswahl Labour gewaltig nutzt. An einer Reform haben sie deshalb wohl kaum Interesse, die Konservativen sowieso nicht. Darum wird sich in GB am Wahlrechts nichts ändern.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 11:28 Uhr:   

@Thomas:
Man kann Trends nicht so einfach in Mandate umrechnen.
Eine Eigentümlichkeit des englischen Wahlrechts ist doch, daß die Stimmen für unterlegene Kandidaten völlig wegfallen. D.h. wenn ein Wahlkreis als Hochburg einer Partei gilt, bleiben die Wähler der anderen Parteien meist zu Hause, weil es ohnehin nichts bringt.
Da kommen dann schnell mal große Vorsprünge raus, das sagt wenig über die wirkliche Verteilung.

Sobald ein Wahlkreis als knapp gilt, liegt die Wahlbeteiligung sehr viel höher.

Es ist nun mal so, daß die LibDems Labourwähler in einem Maße ansprechen können, wie es in Deutschland zwischen FDP und SPD-Wählern weitgehend unmöglich ist. Das wird derzeit noch verstärkt durch die Irak-Frage, in der die LibDems die Linie gegen Blair vertreten, die den meisten Labourwählern entgegenkommt.

Ich habe das in unserer Partnerstadt Chesterfield mit ungläubigen Erstaunen mitverfolgt: Das war jahrzehntelang eine Labourhochburg, vergleichbar mit manchen SPD-Städten im Ruhrgebiet.
Und inzwischen haben die LibDems 36 Kommunalsitze gegen 12 Labour (Tories finden nicht mehr statt). 2001 ging dann auch der traditionelle Labour-MP an die LibDems.

Mit ähnlichem Zeitverzug könnten sich auch viele der liberalen Kommunalwahlerfolge der letzten Jahre so auswirken, daß ehemalige Labour-Hochburgen kippen.

Natürlich hat Labour einen erheblichen Vorsprung - ich behaupte auch nicht, daß der Mehrheitsverlust wahrscheinlich ist.
Aber abwegig ist er auch nicht.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 12:55 Uhr:   

@Ralf

In Chesterfield war der "swing" 2001 17,1 Prozentpunke, das ist schon extrem. Um für einen Durchbruch LibDems zu sorgen, müßte er aber in Dutzenden Wahlkreisen jenseits von 30 Prozentpunkten liegen. Solch riesigen Umschwünge sind auch in GB recht selten. Für einen Durchbruch brauchen die Liberalen schon etwa ein Drittel der Stimmen. Und steigende Wahlneteiligung würde eher Labour als den LibDems nutzen.
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Mörsberg
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 13:01 Uhr:   

> Die LibDems haben auch das Pech, dort stark zu sein, wo die
> Konservativen auch stark sind.
Traditionell ist diese Sicht richtig, zumindest in England und Wales. Schottland, wo die sichersten LibDem-Wahlkreise überhaupt liegen (Orkney/Shetland oder Kennedys Ross/Skye/Inverness-West), war dagegen immer schon tiefste Tory-Diaspora.
Die jüngsten Nachwahlerfolge der LibDems, erst Brent-East und dann Leicester, erfolgten aber in einst so deutlichen Labour-Hochburgen, die LibDem-Kandidaten früher nie gewonnen hätten. Da kann man durchaus von einem neuen Trend sprechen. Die Roten verlieren in den Städten, aber die Konservativen können das nicht auffangen, statt dessen gehen die Stimmen an eine dritte Partei, im UK LibDem, in Deutschland oder Österreich Grüne. Allgemein darf man auch nicht vergessen, dass die LibDems in vielen Politikfeldern links von Labour einzustufen sind, nicht aber generell, so dass sie je nach lokaler Konstellation von verschiedenen Seiten her angreifen können.
Dass gegenwärtig Wahlkreiseinteilung und Wahlsystem Labour begünstigen, ist allerdings dennoch richtig.

> Die Ressorcen dürften die LibDems haben, sie kandideren wie Tories
> und Labour praktisch in jedem Wahlkreis
Die Mittel werden aber praktisch sehr ungleichmäßig auf die Wahlkreise verteilt. Die personelle Basis für ausreichend Zählkandidaten ist also da, der Wahlkampf findet aber überwiegend in den aussichtsreichen Kreisen statt. Die Schwierigkeit liegt nun in der starken Ausdehnung des als aussichtsreich zu bezeichndenden Gebiets.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 13:12 Uhr:   

@Thomas:
> In Chesterfield war der "swing" 2001 17,1 Prozentpunke, das ist
> schon extrem.
Aber eben möglich.
Ich rechne ja auch nicht das Beispiel Chesterfield auf GB hoch - aber es zeigt, welche starken Wählerwanderungen dort möglich sind.

> Um für einen Durchbruch LibDems zu sorgen, müßte er aber in
> Dutzenden Wahlkreisen jenseits von 30 Prozentpunkten liegen.
Nicht wirklich.
Es kommt darauf an, ob man als Ausgangspunkt den Abstand Labour-stärkste Konkurrenz (meist bisher Tories) nimmt oder den Labour-LibDem (wo in der Tat oft 30% nötig wären).

Die britischen Wähler orientieren sich sehr an den taktischen Rahmenbedingungen. Da wird in großer Zahl zu dem Oppositions-Kandidaten gewechselt, der mehr Erfolgschancen zu haben scheint - bei liberalen Kommunalwahlerfolgen vorher kann das oft auch ein LibDem sein.

Siehe wieder Chesterfield: Der Tory-Kandidat hat fast überhaupt keine Stimmen bekommen.
Das heißt natürlich nicht, daß es dort keine Konservativen mehr gibt.
Aber die haben halt konsequent Anti-Labour gewählt.

> Solch riesigen Umschwünge sind auch in GB recht selten.
Ein Riesen-Erdrutsch von einer Partei zur anderen nicht.
Aber eine substantielle Wählerwanderung PLUS dem Umschwenken einer großen Zahl an taktischen Wählern - das ist in vielen Wahlkreisen sehr wohl möglich.

> Für einen Durchbruch brauchen die Liberalen schon etwa ein Drittel
> der Stimmen.
Das Verhindern einer absoluten Mehrheit wäre auch mit weniger als einem "Durchbruch" möglich.

> Und steigende Wahlneteiligung würde eher Labour als den LibDems
> nutzen.
Weiß nicht.
Bei den letzten beiden Wahlen scheint Labour sein Potential wohl ziemlich gut mobilisiert zu haben, da kann wohl nicht mehr viel kommen.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 15:48 Uhr:   

"Ich rechne ja auch nicht das Beispiel Chesterfield auf GB hoch - aber es zeigt, welche starken Wählerwanderungen dort möglich sind."

Das ist doch gerade das Problem: Es gibt nur 11 nun von Labour gehaltene WAhlkreise, in denen die Liberalen weniger 20 Prozentpunkte Rückstand haben und 41 mit weniger 30 Rückstand.
Bei den von den Tories gehaltenen Wahllkreisen gibt es 43, bei denen die Liberalen weniger 20% Rückstand haben. Aber dort werden die Liberalen nicht so viel aufholen können, denn die sind schon im tiefsten Keller.

"Die britischen Wähler orientieren sich sehr an den taktischen Rahmenbedingungen."
Was den Liberalen meistens nicht nutzt.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 16:38 Uhr:   

@Thomas:
> Es gibt nur 11 nun von Labour gehaltene WAhlkreise, in denen die
> Liberalen weniger 20 Prozentpunkte Rückstand haben ...
Du mißt den Abstand Labour-LibDems!
Das heißt aber nicht, daß entsprechend viele Labour-Wähler direkt zu LibDem wechseln müssen.
Sondern dazu kommt noch das Potential von taktischen Wählern, die bisher Tories wählten und nun in diversen Wahlkreisen zum Schluß kommen könnten, LibDem wäre aussichtsreicher.

> Bei den von den Tories gehaltenen Wahllkreisen ...
... ist wenig zu holen, da gebe ich Dir recht.

>> "Die britischen Wähler orientieren sich sehr an den taktischen
>> Rahmenbedingungen."
> Was den Liberalen meistens nicht nutzt.
Weil sie bisher nicht als aussichtsreiche taktische Option gesehen wurden.
Genau das könnte sich nun ändern.
Kommt natürlich immer auf den Wahlkreis an, die alten Ergebnisse, die Ergebnisse in Kommunal- und Europawahlen, und vor allem auf die Persönlichkeiten.
Aber wenn sich abzeichnet, daß man Labour einen Wahlkreis abnehmen kann - dann sind die Tory-Wähler offenbar in großer Masse bereit, auch mal den eigenen Kandidaten konsequent fallen zu lassen.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 17:19 Uhr:   

"Sondern dazu kommt noch das Potential von taktischen Wählern, die bisher Tories wählten und nun in diversen Wahlkreisen zum Schluß kommen könnten, LibDem wäre aussichtsreicher."

Das ist zwar richtig, aber mit ihrem derzeitigen Linkskurs (höhere Steuern etc.) werden die "Liberalen" für Konservative nicht unbedingt attraktiver.

@Mörsberg
"Da kann man durchaus von einem neuen Trend sprechen."
Naja, das scheint mir was voreilig. Ob die Liberalen ihre ERfolge bei der regulären Unterhauswahl wiederholen können, ist fraglich.
Mal ein weniger ermutigendes Beispiel: In einem der sichersten Labour-Wahlkreise der Insel, der südwalisischen Bergarbeiterstadt Rhondda, gewannen 1999 bei den Wahl zum walisischen Regionalparlament völlig unerwartet die Regionalpartei Plaid Cymru, obwohl Labour bei der Unterhauswahl 1997 noch mit 74,4% zu 13,3 von PC vorne gelegen hatte (wahlkreise für beide WAhlen identisch). Bei der Unterhauswahl 2001 lag Labour dann plötzlich wieder weit vorne (68,3 zu 21,1%) und auch bei der Regionalwahl holte Labour den Sitz letztes Jahr zurück.
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Good Entity
Veröffentlicht am Dienstag, 20. Juli 2004 - 22:39 Uhr:   

Wenn sich die positive Entwicklung für die LibDems fortsetzt, werden auch wieder die an sich grundsätzlichen Unterschiede innerhalb der "Partei" wichtiger werden. In den ländlichen Regionen in der Mitte von Wales abseits von den Hafenstädten und der Bergbauregion halten die Liberalen auch traditionell einige der Wahlkreise. Die liberalen Wählerschichten sind dort gerade die Landwirte, denen es insbesondere um einen aktiven Gegenpol zur "britischen Regierung" geht, egal, ob die von den Tories oder Labour gestellt wird. Man wählt aber nicht Playd Cymru, weil die keinerlei Interessenvertretung bieten können, abgesehen bei Sprachenfragen und ähnlichem, anders als die Liberalen, die ja "seit ewig" immerhin die Nummer 3 in GB sind.

Aus ähnlichen Gründen sind die liberalen Hochburgen in den ebenfalls abgelegenen ländlichen Regionen von Cornwall und Nordschottland zu erklären, da kenne ich mich allerdings weniger aus.

Die Grundhaltung ist geprägt von Nicht-Arbeitnehmern (eben Landwirten, selbstständigen Kaufleuten, Landärzten, etc.) und deutlich gegen die Gewerkschaften und übermäßigen Staatseinfluss gerichtet, auch der englisch dominierten Beamtenschaft und dem Militär wird von diesen Wählern ein deutlich geringerer Einfluss (und weniger Geld) gewünscht. Die Steuern sollen auch gesenkt werden.

Das erst in jüngster Zeit von den LibDems eroberte Cardiff dagegen wird bei den "liberalen" Wählerschichten eindeutig von der Studentenschaft und allem, was damit im weitesten Sinne zusammenhängt, beeinflusst.

Zumindest im Moment überschneiden sich die Interessen und es ist eindeutig, dass eine Zusammenarbeit Vorteile und mehr Einfluss für beide Gruppen bringt. Auch die Wahlkreiskandidaten können genau zu den jeweiligen Wählern passend ausgesucht werden. Interessanter Weise bilden die indischen und pakistanischen Betreiber der beliebten TakeAways eine Schnittmenge, da sie sich als Selbstständige und von Vorschriften Gegängelte fühlen, die traditionell liberal wählen und (völlig neu) nun das Kreuz an der gleichen Stelle wie ihre studentischen Stammkunden machen. ((Sorry für den Exkurs, die Diskussion war ein unvergessliches Life-Erlebnis)).

Aber ob die Zusammenarbeit auf die Dauer hält?
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Mittwoch, 21. Juli 2004 - 09:49 Uhr:   

@Thomas:
> Das ist zwar richtig, aber mit ihrem derzeitigen Linkskurs (höhere
> Steuern etc.) werden die "Liberalen" für Konservative nicht
> unbedingt attraktiver.
Im Prinzip ja. Bisher scheint den Tory-Wählern der Anti-Labour-Reflex in der Regel weit wichtiger zu sein als solche inhaltlichen Fragen.
Außerdem sind auch Konservative ja nicht grundsätzlich für "weniger Steuern, weniger Staat" - diese rigide Thatcher-Linie war oft nur mühsam mehrheitsfähig.

Insgesamt bleibt abzuwarten, wie sich das weiter entwickelt. Die LibDems haben relativ gute Chancen, bei der genauen Positionierung Fehler zu machen und entscheidende Wechselwähler abzuschrecken ...

@GoodEntity:
> Wenn sich die positive Entwicklung für die LibDems fortsetzt,
> werden auch wieder die an sich grundsätzlichen Unterschiede
> innerhalb der "Partei" wichtiger werden.
Denke ich auch.
Es ist gut denkbar, daß sie diese Unterschiede im Wahlkampf nutzen können, um je nach Wahlkreis unterschiedliche Wählergruppen anzusprechen.
Und solange sie in der Opposition sind, fallen interne Widersprüche nicht so auf.

Sollten sie aber als Koalitionspartner in die Regierung kommen, dann könnte es gleich nach Einführung des Mehrheitswahlrechts zu ziemlichen Differenzen kommen.
Es wäre dann nicht auszuschließen, daß es die LibDems dann wieder in die beiden ursprünglichen Parteien zerlegt - ohne Mehrheitswahlrecht ist der Zwang zur Zusammenarbeit auch nicht mehr so groß.
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Taugenichts
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Montag, 01. März 2010 - 17:43 Uhr:   

Nach Umfragen steigt derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass es nach der Unterhauswahl zu einem hung parliament kommen könnte.
http://www.sueddeutsche.de/,tt5m1/politik/489/504698/text/
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Ratinger Linke
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Montag, 01. März 2010 - 18:29 Uhr:   

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Thomas Frings
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Montag, 01. März 2010 - 19:30 Uhr:   

Da die Tories bekanntlich einen ziemlich großen Vorsprung haben müssen für eine Mehrheit, ist unabhängig von den Umfragen klar, daß es zu keiner klaren Mehrheit kommen könnte. Sollten die Tories die Mehrheit nur knapp verfehlen, könnte es mit Unionisten doch noch eine Mehrheit geben. Dazu kommt dann noch, dass die Sinn-Fein-Sitze de facto leer sind. Angenommen, es bleibt in Nordirland bei 10 Unionisten und 5 SF-Sitzen, dann würden rechnerisch 313 Sitze reichen. Aber auch die sind alles andere als sicher. Nach 1974 war es immer so, daß entweder die Tories Labour auch nach Stimmen deutlich geschlagen haben oder Labour vorne lag. Einen knapperen Vorsprung der Konservativen gab es seit 36 Jahren nicht mehr. Nur deshalb gab es so lange kein "Hung Parliament" mehr. Wobei ein Stimmenvorsprung der Tories von 1 Prozentpunkt durchaus noch zu einer absoluten Mehrheit für Labour führen kann.
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albertk
Unregistrierter Gast
Veröffentlicht am Dienstag, 02. März 2010 - 20:27 Uhr:   

Hier sind zwei Webseiten, die versuchen, aktuelle Umfragen in Parlamentsmandate umzurechnen:

http://www.electoralcalculus.co.uk/

http://ukpollingreport.co.uk/blog/

Mit großer Wahrscheinlichkeit kommt es diesmal zu zwei Paradoxen der Mehrheitswahl: einem "hung parliament" und einem "Bias". Eine absolute Mehrheit einer Partei scheint bei den gegenwärtigen Umfrageergebnissen unwahrscheinlich.
Je knapper die Distanz zwischen Konservativen und Labour, desto wahrscheinicher ist die Situation, daß die an Stimmen zweitstärkste Partei (vermutlich Labour) die meisten Sitze - aber auch keine absolute Mehrheit - bekommt.
Die obigen Webseiten scheinen mir allerdings den Mandatserfolg der Liberaldemokraten zu unterschätzen. Schließlich haben sie bei den Unterhauswahlen der vergangenen Jahre seit 1997 immer zugelegt.

Eine kleine Anregung: Im Wahlrechtslexikon dieser Webseite fehlt der fürs britische Wahlrecht typische Begriff "Swing".
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Thomas Frings
Registriertes Mitglied
Veröffentlicht am Dienstag, 02. März 2010 - 21:33 Uhr:   

"Mit großer Wahrscheinlichkeit kommt es diesmal zu zwei Paradoxen der Mehrheitswahl: einem "hung parliament""
Wieso soll ein "hung parliament" ein Paradox sein? Und der "Bias" ist nun keineswegs sicher, wenn auch in der Tat nicht gerade unwahrscheinlich.

" die versuchen, aktuelle Umfragen in Parlamentsmandate umzurechnen"
Dabei gibt es aber drei Haken. Einmal natürlich taktisches Wählen, dann regional unterschiedliche Wählerwanderungen und drittens auch noch die Tatsache, dass bereits das Ergebnis für 2005 sehr oft nur eine Schätzung ist. Es wurden sehr viele Wahlkreise in England und Wales neu abgegrenzt. Da im UK traditionell alle Stimmen des Wahlkreises an einem Ort ausgezählt werden, gibt es keine Wahlbezirksergebnisse, die man für eine Umrechnung auf den neuen Gebietsstand verwenden könnte.

"Die obigen Webseiten scheinen mir allerdings den Mandatserfolg der Liberaldemokraten zu unterschätzen. Schließlich haben sie bei den Unterhauswahlen der vergangenen Jahre seit 1997 immer zugelegt."
Ein Erfolg der Tories wird zu weniger Sitzen für die LibDems führen, denn in den meisten von den LibDems gehaltenen Wahlkreise sind sie Hauptkonkurrent. In den 62 Wahlkreisen, wo die LibDems 2005 gewannen, lagen die Konservativen in 43 auf Platz 2, Labour nur in 18. 1997 konnten die LibDems ihre Sitzzahl trotz leichten Stimmenverlusts von 20 auf 46 steigern, weil die Tories einbrachen und in ihren Hochburgen Labour oft sehr schwach ist. Umgekehrt gibt es nur wenige Labour-Wahlkreise, wo die LibDems Siegchancen haben. Die LibDems können also stark von schwachen Tories profitieren, aber viel weniger von einem schwachen Labour-Ergebnis. Von daher wäre selbst bei konstantem Stimmenanteil ein Sitzverlust ziemlich sicher.
Es ist im Übrigen keineswegs so, dass die LibDems in der Vergangenheit in den Umfragen generell unterschätzt wurden, und der Stimmenanteil lag 2005 immer noch unter denen von 1983 und 1987.

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