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Dr. Stefan Schwager
| | Veröffentlicht am Montag, 24. Februar 2003 - 21:15 Uhr: | |
Meiner Meinung nach wäre es für den Bürger einfacher und fairer, wenn er bei einer Wahl einfach sein gewünschtes Endergebnis angeben könnte, statt nur eine einzige Partei (mittels Zweitstimme) ankreuzen zu können. Das Endergebnis wird durch Regression (beliebiger Ordnung) über alle gewünschten Ergebnisse ermittelt. Beispiel : Man wählt 33% CDU, 33% SPD, 34% Grüne. Macht zusammen 100% und entspricht dem Willen des Wählenden, wie die Wahl ausgehen soll. Natürlich kann man alle wählbaren Parteien beliebig gewichten. Vorteile : 1) Spekulationen, was die anderen wählen, wäre vollkommen überflüssig (als Beispiel : "Ich muß SPD wählen, weil sonst die CDU gewinnt"). 2) Parteien könnten sich auf bestimmte Themen spezialisieren. Z.B. könnte man die "bibeltreuen Christen" für wichtig erachten, ohne ihnen gleich die Regierungsfähigkeit zuzuschreiben. Man gibt ihnen einfach 10%, wenn man's für nötig hält. Beim bisherigen Verfahren haben nur die sog. "Volksparteien" eine echte Chance auf Ergebnisse deutlich über 5%. 3) Sogenannte "Denkzettelwahlen" wären überflüssig. Man gewichtet die ungeliebte Partei einfach weniger als bisher, ohne sie gleich komplett gegen eine andere austauschen zu müssen, die man eigentlich gar nicht wählen will! 4) Komplizierter als das bisherige System kann's wohl kaum sein, siehe Kenntnis der Bedeutung der Zweitstimme! Aber es wäre wesentlich durchschaubarer und einfacher, weil jedermann weiß, was ein Wahl-Ergebnis ist! Für die besonders Kritischen kann man ja weiterhin das Parteienkreuz anbieten (entspricht 100% für eine Partei). Was haltet Ihr davon? S. Schwager |

niklas
| | Veröffentlicht am Montag, 24. Februar 2003 - 22:42 Uhr: | |
Man könnte das auch bewerkstelligen, indem man einem Wähler mehrere Stimmen gibt. Bei manchen Wahlen in D. gibt es sogar die Möglichkeit mehrere gleichwertige Stimmen abzugeben (Bsp.: Kommunalwahl in Bayern). Letztendlich ergäbe sich wohl kein anderes Ergebnis, da die meisten Wähler wohl 100% der Stimmen ihrer Lieblingspartei gönnen. Wenn ich z.B. die SPD partout nicht mag, dann bekommt sie auch 0%. Die schwankenden Wechselwähler würden vielleicht die Stimmen aufteilen, anstatt sich selbst auf die Parteien zu verteilen. Einfacher wird die Sache sicher nicht, wenn man 100 Stimmen (für Prozente) pro Wähler addieren muß und am Ergebnis ändert sich mE auch wenig. |

c07
| | Veröffentlicht am Montag, 24. Februar 2003 - 23:14 Uhr: | |
Stefan: > Spekulationen, was die anderen wählen, wäre vollkommen überflüssig Warum? Auch wenn ich der Meinung wär, dass Union und SPD im Bundestag vertreten sein sollten, könnte ich ihnen in diesem System doch nur 0% geben, weil sie nach meiner Spekulation ohnehin schon zu stark wären und ich sie andernfalls noch weiter stärken würde. Und wenn ich wirklich einen "Denkzettel" verteilen will, muss ich diese Partei natürlich genauso auf 0% setzen, damit sie es auch spürt. Grundsätzlich will ich erstmal, dass die Partei, für die ich mich entscheide, allein das Sagen hat. Der Pluralismus im Parlament ist doch kein Selbstzweck, sondern nur ein notwendiger Ausgleich verschiedener Einstellungen und Interessen. Ich bin nicht so schizophren, dass ich diesen Ausgleich bei meiner persönlichen Entscheidung schon vorwegnehmen will. Deshalb könnte ich immer nur 100% vergeben, und jeder vernünftige Mensch sollte das meiner Meinung nach genauso machen, wie es eben praktisch auch heute der Fall ist. niklas: Mehrere Stimmen sind dann gerechtfertigt, wenn primär Personen statt Parteien gewählt werden. Bei Gemeinderatswahlen in kleineren Gemeinden wird das von den Wählern auch so gesehn. In der Tat dürfte es aber wohl kaum Wähler geben, die etwa in München ihre 80 Stimmen nutzen, um sie gezielt auf mehrere Parteien zu verteilen. |

Stephan Glutsch
| | Veröffentlicht am Montag, 24. Februar 2003 - 23:47 Uhr: | |
Ich finde die Idee auch nicht schlecht. Ich fuerchte aber, das Verfahren wuerde zu viele (d.h. mehr als 5%) ungueltige Stimmen produzieren, weil - so die Pisa-Studie - viele nicht rechnen koennen. Was passiert, wenn die Summe 150% oder 90% ist? Sollte man dann die Summe auf 1 normieren, d.h. im ersten Fall alle Anteile mit 0.667 und im zweiten Fall mit 1.111 multiplizieren? Es koennte ja sein, dass der Wahler sich im zweiten Fall bewusst zu 10% der Stimme enthalten hat. Ich habe gehoert, in einigen US-Bundestaaten werde demnaechst am Bildschirm gewaehlt. Dann koennte man die Nebenbedingung, dass alle Anteile zusammen 1 ergeben muessen in das Programm einbauen. Wenn man mit der Maus den Anteil fuer eine Partei erhoeht, wuerden, sobald die 100% ueberschritten sind, die Balken fuer die anderen Parteien nach unten gehen. Uebrigens laesst sich das von Stefan vorgeschlagene Verfahren auch jetzt schon anwenden. Dazu sind folgende Schritte noetig: 1. Man nehme ein Blatt Papier und teile seine Stimmen auf die Parteien auf, z.B. 60% CDU und 40% FDP. 2. Man ordne die Zahlen 0 bis 99 gemaess diesen Anteilen den Parteien zu, fuer das obige Beispiel heisst das: 0...59 = CDU; 60...99 = FDP. 3. Dann generiere man eine Zufallszahl im Bereich 0 bis 99, z.B. auf den Sekundenzeiger der Uhr gucken, die Zahl in den den Taschenrechner eingeben, mehrmals die Sinus-, Cosinus-, Logarithmus- oder Quadratwurzeltaste druecken, und die letzten beiden Stellen notieren. Ich habe eben auf diese Weise 15 erhalten. Das liegt zwischen 0 und 59, also waehle ich die CDU. 4. Man verschicke Ketten-E-Mails und fordere andere auf, ebenfalls nach diesem Verfahren zu wahlen. 5. Man gruende eine Ich-AG, die die Zufallsgeneratoren in Form von Taschenrechnern in Fernost herstellen laesst und vertreibt. Frage: Ist es erlaubt, zu irrationalem oder stochastischem Wahlverhalten aufzurufen? Beispiel: Bei Morgenrot waehlen Sie bitte die roten Socken. Wenn sie im Sternbild Fische geboren sind, waehlen Sie bitte Joschka Fischer. |

alberto
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 00:01 Uhr: | |
 Die Kompliziertheit der Materie nährt doch ihren Mann Quote:Von Stephan Glutsch am Montag, den 24. Februar 2003 - 23:47 Uhr: Ich finde die Idee auch nicht schlecht. Ich fuerchte aber, das Verfahren wuerde zu viele (d.h. mehr als 5%) ungueltige Stimmen produzieren, weil - so die Pisa-Studie - viele nicht rechnen koennen. Was passiert, wenn die Summe 150% oder 90% ist? Sollte man dann die Summe auf 1 normieren, d.h. im ersten Fall alle Anteile mit 0.667 und im zweiten Fall mit 1.111 multiplizieren? Es koennte ja sein, dass der Wahler sich im zweiten Fall bewusst zu 10% der Stimme enthalten hat.
und das soll sie auch. Was denn sonst noch? Recht, das Betroffene verstehen, erfüllt seinen Zweck nicht, in diesem unserem Lande. search: Gewaltenteilung, 137 GG, 38 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

Dr. Stefan Schwager
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 11:17 Uhr: | |
Danke für eure Meinungen! Es ist interessant, die totalitäre Einschätzung der eigenen Vernunft
Quote:...jeder vernünftige Mensch sollte das meiner Meinung nach genauso machen, wie es eben praktisch auch heute der Fall ist
und der Einwand, die Gesellschaft sei zu doof für etwas Einfaches
Quote:Ich fuerchte aber, das Verfahren wuerde zu viele (d.h. mehr als 5%) ungueltige Stimmen produzieren, weil - so die Pisa-Studie - viele nicht rechnen koennen.
begegnen mir immer wieder. Ich habe d'Hondt und Co. schon in der Schule nicht kapiert und halte es - ähnlich wie das Steuerrecht - für einen Verlierer im Kampf zwischen Verstand und Bürokratie. Ich denke aber - und das ist viel schlimmer - daß es nicht zuletzt wegen der genannten Vorbehalte noch viele Jahrzehnte dauern wird, bis endlich direkt-demokratische Mittel (bundesweite Volksentscheide, ständige Kontrolle durch das Volk, etc) bei uns eingeführt werden. Grüße, S. Schwager |

alberto
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 11:55 Uhr: | |
 Der erste Schritt Quote:Ich denke aber - und das ist viel schlimmer - daß es nicht zuletzt wegen der genannten Vorbehalte noch viele Jahrzehnte dauern wird, bis endlich direkt-demokratische Mittel (bundesweite Volksentscheide, ständige Kontrolle durch das Volk, etc) bei uns eingeführt werden.
ist die Anwendung des Grundgesetzes. Vor allem die Trennung von gesetzgebender und verfassunggebender Versammlung (nach bisher 140 unbefugten Verschlimmbesserungen) ist dringlich. Die Dominanz der Ödies in beiden ist unterträglich. Hier kulminiert das Paradoxon. search: Gewaltenteilung, 137 GG, 38 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

c07
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 14:01 Uhr: | |
Stefan: > die totalitäre Einschätzung der eigenen Vernunft Ja, ich halt das im Umgang mit unpersönlichen Strukturen unbedingt für erstrebenswert. Strukturen, die bei einer kühlen Kosten-/Nutzen-Analyse nicht mehr funktioniern, sollten verändert bzw. besser erst gar nicht geschaffen werden. Wer bei Strukturen auf die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten setzt, also erwartet, dass sie bewusst gegen ihre eigenen Überzeugungen und Interessen handeln, sollte sich fragen, ob dann solche Strukturen überhaupt noch nötig sind. Im konkreten Fall gäbe es dann z.B. keinen Grund für ein Mehrparteiensystem. Noch schlimmer wär es, wenn die Dummheit der Mehrheit vorausgesetzt wird, weil dann die Motivation für die Herrschenden groß ist, die Masse möglichst dumm zu halten, um so ihre Macht zu sichern. Das ist mit meinem Demokratieverständnis nicht vereinbar. |

Ralf Arnemann
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 14:30 Uhr: | |
> Ich habe d'Hondt und Co. schon in der Schule nicht kapiert ... Tut mir leid das so hart sagen zu müssen: Aber genau dieses Nicht-kapieren führt dann zu solchen Vorschlägen. Denn das gesamte (auch nicht unkomplizierte) Vorspiel mit den aufgeteilten Prozenten führt dann am Ende doch nur wieder zur Frage, wie dann die Prozente in Sitze umzuwandeln sind - also d'Hondt vs. übrige Verfahren. |

alberto
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 14:32 Uhr: | |
 Ist es nicht suspekt?, Quote:Noch schlimmer wär es, wenn die Dummheit der Mehrheit vorausgesetzt wird, weil dann die Motivation für die Herrschenden groß ist, die Masse möglichst dumm zu halten, um so ihre Macht zu sichern. Das ist mit meinem Demokratieverständnis nicht vereinbar.
wenn einer Selbstverständliches so beteuert?
search: Gewaltenteilung, 137 GG, 38 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

Dr. Stefan Schwager
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 14:50 Uhr: | |
Quote:Wer bei Strukturen auf die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten setzt, also erwartet, dass sie bewusst gegen ihre eigenen Überzeugungen und Interessen handeln, sollte sich fragen, ob dann solche Strukturen überhaupt noch nötig sind. Im konkreten Fall gäbe es dann z.B. keinen Grund für ein Mehrparteiensystem.
Ich verstehe nicht, wieso man gegen seine Interessen handelt, wenn man beim Wählen ein Wunsch-Wahlergebnis abgibt. Ich finde, daß es meinen Interessen gradezu entspricht, wenn ich die Möglichkeit habe, meine Wunschzusammensetzung des Parlaments zu wählen anstatt eine einzelne Partei. Wer beim Wählen in der Alles-Oder-Nichts-Kategorie denkt, kann das ja weiterhin so handhaben. Wo ist hier der Widerspruch zu einem Mehrparteiensystem? Grüße, S. Schwager |

c07
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 15:56 Uhr: | |
Zunächst geh ich davon aus, dass das Ziel der persönlichen Wahlhandlung ist, Einfluss auszuüben (daneben wär noch eine bloße Willensbekundung oder eine eher liturgische Handlung denkbar, aber beides ist in unserem politischen System nicht Sinn der Sache). Dann ist es doch konsequent, diesen Einfluss zu maximieren. Das geht bei deinem Verfahren dadurch, dass man möglichst weit in der gewünschten Richtung von der Norm abweicht, und das bedeutet eben normalerweise 100% für die bevorzugte Partei. Ich kann aber schon nicht verstehen, dass die Wunschzusammensetzung des Parlaments mehr als eine Partei enthält. Wenn ich von dem Fall abseh, dass zwei oder mehr Parteien exakt gleich bewertet werden, wird es immer eine geben, die mir über das Ganze betrachtet am meisten zusagt. Es bringt ja nichts, zu argumentieren, dass einzelne Parteien in unterschiedlichen Bereichen ihre Stärken haben. Wenn solche Parteien kooperieren, kann es ja durchaus sein, dass sie sich jeweils da durchsetzen, wo sie nach meiner Meinung die schlechtesten Konzepte haben. Zwar kann es in Einzelfällen absehbar sein, dass sich eine Partei in einem bestimmten Bereich für besonders kompetent hält und in Verhandlungen großen Wert darauf legt, sich da durchzusetzen, aber wenn man das systembildend einsetzen will, erhält man als Resultat faktisch ein Einparteiensystem mit unterschiedlich spezialisierten Arbeitskreisen. Eine Partei, die zu ganzen Politikfeldern keine Meinung hat, die sie durchsetzen will, kann ich eigentlich nicht ernst nehmen, wenn mir diese Bereiche wichtig sind. Und wenn sie mir nicht wichtig sind, dann kann ich auch auf die darauf spezialisierte Partei verzichten. Gesamtgesellschaftlich gesehen ist ein Parlament mit mehreren Parteien sicher sinnvoll, und der abstrakte Wunsch danach ist auch auf jeden Fall legitim. Aber die Wahl dient doch gerade dazu, aus den Meinungen der einzelnen Bürger ein repräsentatives Gremium zu bestimmen. Da ist es nicht zweckdienlich, wenn ich als einzelner Wähler schon auf den Ausgleich verschiedener Strömungen bedacht bin, über die ich mehr oder weniger nur spekulieren kann. Wenn jeder seine Ansichten pur in das Verfahren einbringt, wird das Parlament das ganze Volk im Endeffekt am besten abbilden. |

Sole
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 16:21 Uhr: | |
"Das geht bei deinem Verfahren dadurch, dass man möglichst weit in der gewünschten Richtung von der Norm abweicht, und das bedeutet eben normalerweise 100% für die bevorzugte Partei." Vorausgesetzt, dass die gewünschte Richtung durch eine bestimmte Partei übermäßig oder wenigstens umfassend vertreten wird. Gibt es zwei sozialdemokratische Parteien mit unterschiedlichen Nuancen oder zwei Sorten Liberale (Nationale und Soziale) dann kann die gleichberechtigte oder gewichtete Wahl beider sinnvoll sein. |

c07
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 16:40 Uhr: | |
Sole: Wenn sich zwei Parteien nicht nennenswert unterscheiden, sollten sie sich zusammenschließen. Als Wähler kann man das ja unterstützen, indem man konsequent die größere wählt. Wobei für die Beurteilung einer Partei natürlich generell nicht nur ihre Konzepte eine Rolle spielen, sondern auch die Einschätzung, ob sie in der Lage ist, sie gegebenenfalls auch umzusetzen (Glaubwürdigkeit, Koalitionsfähigkeit, personelle Resourcen, ...). |

alberto
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 18:59 Uhr: | |
 Nachtigall, ick hör dir trapsen Quote:Von c07 am Dienstag, den 25. Februar 2003 - 14:01 Uhr: Wer bei Strukturen auf die Kooperationsbereitschaft der Beteiligten setzt, also erwartet, dass sie bewusst gegen ihre eigenen Überzeugungen und Interessen handeln, sollte sich fragen, ob dann solche Strukturen überhaupt noch nötig sind. Im konkreten Fall gäbe es dann z.B. keinen Grund für ein Mehrparteiensystem.
... und wie er's gern hätte: Braun oder rot? search: Gewaltenteilung, 137 GG, 38 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
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Dr. Stefan Schwager
| | Veröffentlicht am Dienstag, 25. Februar 2003 - 19:52 Uhr: | |
Danke für die ausführliche Stellungnahme, c07! Ich will ja nicht unbedingt das letzte Wort haben, aber die Aussage
Quote:...Wenn jeder seine Ansichten pur in das Verfahren einbringt, wird das Parlament das ganze Volk im Endeffekt am besten abbilden.
stimmt m.E. nur, wenn das Volk seine Ansichten auch "pur" einbringen kann. Bei der Wahl "1 aus N" kann ich das aber nicht (solange N nicht gegen unendlich geht). Es bleibt der "Quantelungsfehler", der umso größer ist, je weniger Auswahlmöglichkeiten das Spektrum bietet. Auch kann ich die Aussage
Quote:...Wenn sich zwei Parteien nicht nennenswert unterscheiden, sollten sie sich zusammenschließen
nicht unterstützen, denn dann wären unsere Volksparteien schon zusammengeschmolzen und mit dem "1 aus N" System säßen wir dann vor einem "Ja-Nein"-Stimmzettel a la DDR. Grüße, S. Schwager |

c07
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 04:56 Uhr: | |
Dass sich Parteien zusammenschließen sollten, war nur auf eine hypothetische Situation bezogen, die aus meiner Sicht momentan nicht ansatzweise existiert, auch wenn sich die Parteien schon mal stärker unterschieden haben. Für meinen Geschmack gibt es zurzeit eher zu wenig als zu viele Parteien. Und dass die Wahl einer Partei für viele einen deutlichen Kompromiss bedeutet, weil in diesem Paket auch einiges Ungewolltes stecken kann, ist auch klar. Deshalb halt ich es auch für wichtig, dass die Wähler in bedeutenden Sachfragen direkt entscheiden können. |

alberto
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 08:56 Uhr: | |
 Ohne artikulationsfähige Opposition Quote:Von c07 am Mittwoch, den 26. Februar 2003 - 04:56 Uhr: Dass sich Parteien zusammenschließen sollten, war nur auf eine hypothetische Situation bezogen, die aus meiner Sicht momentan nicht ansatzweise existiert, auch wenn sich die Parteien schon mal stärker unterschieden haben. Für meinen Geschmack gibt es zurzeit eher zu wenig als zu viele Parteien.
mit einer Einheitspartei also, ist das Gebilde eine Diktatur. Daß die sich dann - wie die „DDR“ als demokratisch apostrophiert -, ist so gut wie sicher, weil der Anschein der Legitimation umso dringlicher ist, je weniger es sie wirklich gibt. Mit 98% „Gewählte“ sind ja keine Utopie, es gibt sie wirklich. Daher muß die Demokratie wehrhaft sein. Dafür gibt es den Artikel 20, IV GG, der nicht für parlamentarischen Gebrauch bestimmt ist. Daß hier immer wieder von der Einheitspartei gefaselt wird, muß alle Alarmglocken schrillen lassen!  search: Gewaltenteilung, 137 GG, 38 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

c07
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 11:20 Uhr: | |
alberto: Von einer Einheitspartei faselst hier nur du. Ich bin lediglich der Meinung, dass es nicht förderlich ist, eine Polarisierung der Gesellschaft da zu erzwingen, wo sie nicht wirklich existiert. Mit einer Diktatur hätte das nichts zu tun. Aber solche Überlegungen sind momentan sehr theoretisch. Es gibt bei uns sogar mehr Polarisierung als tatsächlich im Parteiensystem repräsentiert wird, und alles deutet darauf hin, dass sie sich in den nächsten Jahrzehnten noch wesentlich verschärfen wird. Ein Bürgerkrieg scheint mir wahrscheinlicher als ein umfassender gesamtgesellschaftlicher Konsens, und das Problem ist eher, dass real existierende Spannungen ignoriert werden, als dass es zu viel divergierende politische Strömungen gäbe. Trotzdem kann ich mit einer Opposition, die sich nur als Selbstzweck begreift, nichts anfangen. So könnten sich die USA wahrscheinlich ihre Opposition im jetzigen Zustand sparen. Andererseits gibt es auch dort den umfassenden gesamtgesellschaftlichen Konsens nicht wirklich; abweichende Meinungen sind nur nicht angemessen parlamentarisch vertreten. Generell ist es ein Problem aller Mehrheitswahlsysteme, dass sie inhaltliche Gegensätze zu rein technischen degradieren und damit real existierende Spannungen verwischen, während sie andere künstlich aufbauen. Im Prinzip unterscheiden sie sich deshalb nicht wesentlich von einem Einheitswahlsystem. Bei uns sind diese Tendenzen deutlich schwächer, aber man sollte nicht übersehen, dass die 5%-Hürde in ihrer jetzigen Form auch ziemlich mehrheitsbildend wirkt und damit ähnliche Probleme verursacht. Beispielsweise sind die Blockaden im Bundesrat Ausdruck dafür, dass auch bei uns Opposition eher technisch als inhaltlich gesehen wird. Die Fronten der wirklichen Meinungsverschiedenheiten verlaufen ganz woanders als da, wo sie sich tatsächlich äußern (können). Vor 100% oder Mehrheiten nahe davon hab ich keine Angst, solang sie nicht zwanghaft sind. Der Bundestag beschließt manche Gesetze mit breiten Mehrheiten, und auf den unteren Ebenen ist das sogar noch häufiger, ohne dass ich mich dabei automatisch unwohl fühl. Ich muss doch nicht bloß deswegen gegen was sein, nur weil meine Gegner dafür sind. Das ist mir zu primitiv. Und in solchen Situationen mit Gewalt drohen zu wollen, ist geradezu pervers. Überhaupt ist der Artikel 20, Abs. 4 kontraproduktiv. Im Umkehrschluss gibt er extremen Kräften die Legitimation zur Gewalt, und wo die Demokratie von Einzelpersonen mit Gewalt verteidigt werden muss, ist sie ohnehin längst tot. |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 16:16 Uhr: | |
"Ein Bürgerkrieg scheint mir wahrscheinlicher als ein umfassender gesamtgesellschaftlicher Konsens..." Einen Bürgerkrie halte ich für extrem unwahrscheinlich. Und was heißt denn "umfassender gesamtgesellschaftlicher Konsens"? Entweder ist der so vage formuliert, daß jeder zustimmen kann und so auslegt wie es ihm gerade paßt (etwa so wie bei UNO-Resolutionen) oder die Parteien sind sich tatsächlich in allen Fragen ziemlich einig- dann sind sie aber überflüssig. Demokratie fußt doch gerade auf der Prämisse, daß ein umfassender Konsens nicht existiert. |

alberto
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 17:29 Uhr: | |
Kannst Du Dich mal entscheiden? Quote:Von c07 am Mittwoch, den 26. Februar 2003 - 11:20 Uhr: alberto: Aber solche Überlegungen sind momentan sehr theoretisch. Es gibt bei uns sogar mehr Polarisierung als tatsächlich im Parteiensystem repräsentiert wird, und alles deutet darauf hin, dass sie sich in den nächsten Jahrzehnten noch wesentlich verschärfen wird. Ein Bürgerkrieg scheint mir wahrscheinlicher als ein umfassender gesamtgesellschaftlicher Konsens, und das Problem ist eher, dass real existierende Spannungen ignoriert werden, als dass es zu viel divergierende politische Strömungen gäbe.
Demokratie trägt Konflikte aus, bevor sie virulent werden. Daher dürfen auch Mehrheiten nicht von der Willensbildung ausgeschlossen werden. search: Gewaltenteilung, 137 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

c07
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 26. Februar 2003 - 18:57 Uhr: | |
Thomas: > Einen Bürgerkrie halte ich für extrem unwahrscheinlich. Ich auch, aber in den letzten Jahren ist er sicher nicht unwahrscheinlicher geworden. Wenn das Wohlstandsgefälle zu groß wird und gleichzeitig das Bewusstsein darüber zunimmt, fehlt irgendwann eigentlich nur noch ein konkreter Anlass. Aber noch ist sicher viel Spielraum in der gesellschaftlichen Elastizität. > Demokratie fußt doch gerade auf der Prämisse, daß ein umfassender Konsens nicht existiert. Unsere derzeitige Form mit Parteien schon. Auf absehbare Zeit wird das wohl auch so bleiben. Aber langfristig gesehen halt ich diesen Konsens durchaus für erstrebenswert, wobei mir schon klar ist, dass es da um Jahrhunderte geht. alberto: > Demokratie trägt Konflikte aus, bevor sie virulent werden. Sollte sie und tut sie auch meistens wirklich, aber das ist nicht zwangsläufig so. Erstens können Mehrheiten einen Konflikt mit einer Minderheit riskieren, zweitens kann schon die Abbildung der Konfliktparteien auf die relevanten Gremien wie beschrieben scheitern, und drittens setzt es auf jeden Fall ein gewisses Mindestmaß an Vernunft bei allen Beteiligten voraus. |

Uwe Matrisch
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 19. März 2003 - 12:47 Uhr: | |
Der Vorschlag von Dr. Stephan Schwager ist wunderbar, weil: 1. Stimmspliting nimmt nicht ab. Die meisten Wähler wollen doch damit Ihre "gespaltene" Präferenz ausdrücken. Was bei Erst- und Zweitstimme aber nicht sehr sinnvoll ist. 2. Es ist, um die Probleme dieser Gesellschaft zu lösen endlich notwendig, dass auch Funktionsparteien wählbar sind. Da es aber bei einer Wahl um so viele Fragen geht, ist es für viele Bürger unmöglich "nur" eine Partei, die sich beispielsweise "nur" mit Ökologie beschäftigt. 3. Demokratie lebt bei aller Theorie von ihrer Akzeptanz. Da unsere Demokratie von Parteien getragen wird und deren Akzeptanz abnimmt, sind Reformen notwendig. Durch dieses neue Wahlrecht werden sich, denke ich, die Parteien stark verändern. Da Sie um jeden Prozentpunkt stärker kämpfen müssen, sehr zum Wohle der Bürger. Und ein Irrtum: Denkzettelwahlen werden zunehmen. Da ich eine Partei für mich nicht ganz abwähle, sinkt Hemmschwelle zu einem Schritt. Grüße, Uwe Matrisch |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 20. März 2003 - 13:30 Uhr: | |
@ Uwe Matrisch "Da Sie um jeden Prozentpunkt stärker kämpfen müssen, sehr zum Wohle der Bürger." Kämpfen Parteien bisher etwa nicht um jeden Prozentpunkt? Und was bei dem Kampf rauskommt, ist keineswegs immer zum Wohl der Bürger. Schröders populistische Aktionen von Holzmann bis Irak waren gelinde gesagt eher kontraproduktiv. |

Dr. S. Schwager
| | Veröffentlicht am Freitag, 28. März 2003 - 21:45 Uhr: | |
Ich bedanke mich bei allen Beitragenden! S. Schwager |

Uwe Matrisch
| | Veröffentlicht am Montag, 31. März 2003 - 15:42 Uhr: | |
@Thomas Frings ja, die Parteien kämpfen in erster Linie um jede Wählerstimme. Wer schon mal einen Wahlkampf mitgemacht hat, weiß, dass dem eine Wählerpotentialanalyse vorausgeht. Das heißt, in Gegenden, die aussichtslos sind, wird weniger investiert. Dort wo Stammwähler sind, wird ein Rotinewahlkampf abgespult. Letzteres wäre nicht mehr möglich, da auch Stammwähler "ihre" Partei mit "Punktabzügen" leichter "bestrafen" können. Populismus ist Teil der Demokratie, die in keinen Wahlsystem ausgeschlossen werden kann. Diesem kann man nur mit Bildung und Aufklärung begegnen. Vorgeschlages Wahlverfahren würde im Wahlkampf |

Thomas Frings
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 02. April 2003 - 16:38 Uhr: | |
@ Uwe Matrisch "Populismus ist Teil der Demokratie, die in keinen Wahlsystem ausgeschlossen werden kann. Diesem kann man nur mit Bildung und Aufklärung begegnen" Falsch. Selbst in Ländern, die in der PISA-Studie besser abgeschnitten haben als Deutschland, haben Populisten größere Erfolge als hier (siehe Schweiz, Dänemark, Norwegen, Österreich). Selbst im besten Bildungssystenm bleibt eine Menge dummes Volk übrig. Jemanden, der naturgegeben unterbelichtet ist, macht man auch mit hohen und effizient eingesetzten Bildungsausgaben nicht schlau. Außerdem: Die Dummen sind bei populistischen Gruppierungen zwar in der Regel klar überrepräsentiert, aber auch bei solchen Gruppen gibt es intelligente Leute. |

alberto
| | Veröffentlicht am Mittwoch, 02. April 2003 - 20:16 Uhr: | |
PISA ist immer und überall
Quote:Von Thomas Frings am Mittwoch, den 02. April 2003 - 16:39 Uhr: @ Uwe Matrisch "Populismus ist Teil der Demokratie, die in keinen Wahlsystem ausgeschlossen werden kann. Diesem kann man nur mit Bildung und Aufklärung begegnen" Falsch. Selbst in Ländern, die in der PISA-Studie besser abgeschnitten haben als Deutschland, haben Populisten größere Erfolge als hier (siehe Schweiz, Dänemark, Norwegen, Österreich). Selbst im besten Bildungssystenm bleibt eine Menge dummes Volk übrig. Jemanden, der naturgegeben unterbelichtet ist, macht man auch mit hohen und effizient eingesetzten Bildungsausgaben nicht schlau. Außerdem: Die Dummen sind bei populistischen Gruppierungen zwar in der Regel klar überrepräsentiert, aber auch bei solchen Gruppen gibt es intelligente Leute.
Germany du hast es besser. Durch konsequente Selektion der Willfährigen und Mittelmäßigen in der xter Generation ist es uns gelungen, jeden solange zu befördern, bis er den Gipfel seiner Unfähigkeit erreicht hat. Zum Populismus gehören immer Populisten, die selber wissen, wovon sie reden. Die gibt es hier nicht mehr. Ödies sind nicht die Hellsten, und nur sie bilden die herrschende Klasse. Damit sind alle Probleme beseitigt. search: Gewaltenteilung, 137 GG -- Wer das nicht verändert, wird gar nichts verändern Wer das nicht kapiert hat, hat gar nichts kapiert
WahlRechtReform |

c07
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 08:38 Uhr: | |
Uwe: > Populismus ist Teil der Demokratie, die in keinen Wahlsystem ausgeschlossen > werden kann. Diesem kann man nur mit Bildung und Aufklärung begegnen. Dem stimm ich voll zu. Thomas: Erstens hat die PISA-Studie nur einen Teilbereich von Bildung bewertet, der in diesem Zusammenhang bei weitem nicht allein entscheidend ist, und zwar nur bei 15-Jährigen, die bekanntlich nicht wahlberechtigt sind (oder sind sie das doch wo?). Zweitens ist der Zusammenhang natürlich kein Automatismus. Bildung und Aufklärung (also in dieser Beziehung zielgerichtetere Bildung) trocknen aber tendenziell den Nährboden für Populisten aus. Andererseits haben so genannte Populisten oft auch ein breites Potenzial außerhalb von ungebildeten und leicht beeinflussbaren Schichten. Wie groß das ist und wie leicht es erschlossen werden kann, hängt natürlich von ganz anderen Faktoren ab. Ich halt es in Deutschland eigentlich für ziemlich groß, aber die entsprechenden Positionen sind allgemein geächtet, so dass es ziemlich unter der Decke bleibt. Aber so, wie ich es versteh und wohl auch Uwe gemeint hat, geht es ja beim Populismus weniger um dezidierte Gruppierungen, die man gern als populistisch bezeichnet, sondern um die allgemeine Tendenz bei allen Parteien. Momentan ist das jedenfalls das größere Problem. > Jemanden, der naturgegeben unterbelichtet ist, macht man auch mit hohen > und effizient eingesetzten Bildungsausgaben nicht schlau. Das ist alles relativ. Jedenfalls gelingt es anderswo besser. Deutschland war in der PISA-Studie nicht deswegen unterdurchschnittlich, weil es zu wenig wirklich gute Schüler gibt, sondern weil zu viele praktisch abgeschrieben werden und deshalb nicht mal ein Mindestniveau erreichen können. |

Ralf Arnemann
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 11:59 Uhr: | |
Ich bin aus praktischer Erfahrung SEHR skeptisch bei der These, Bildung würde die Leute automatisch politisch reifer und für Populismus unanfälliger machen. Natürlich ist es notwendig, eine gewisse Grundkenntnis über Staat und Gesellschaft zu haben. Aber gerade höher Gebildete neigen zu einem akademischen Theoretisieren, und damit oft zu abstrus realitätsfernen politischen Meinungen. Da werden, ob von links oder rechts, oft ganz aberwitzige krude Verschwörungtheorien geglaubt, "geheime Zusammenhänge" entlarvt und generell viel Gehirnschmalz darauf verwandt politisch angeblich sinnvolle und für Gerechtigkeit und Gemeinwohl notwendige Maßnahmen zu fordern und zu rechtfertigen, die zufällig immer die persönlichen Interessen des Betreffenden maximal befördern würden. Da sind oft weniger Gebildete pragmatischer. Die sagen ganz klar: Von dem Gebiet verstehe ich nichts, deswegen beurteile ich das nur nach den Ergebnissen. Eine so pragmatische Einstellung ist in anderen Ländern auch bei Akademikern nicht ungewöhnlich, in Deutschland aber eher ungewöhnlich, da es bei uns meist ums Grundsätzliche geht, nicht ums pragmatisch Funkionierende. |

c07
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 12:51 Uhr: | |
Ralf: > Aber gerade höher Gebildete neigen zu einem akademischen Theoretisieren, > und damit oft zu abstrus realitätsfernen politischen Meinungen. Da ist schon was dran. Andererseits kann, soll und muss Politik auch Realitäten schaffen und ist insofern immer realitätsnah. Vom Prinzip ist das ganz klar, aber über den wünschenswerten Umfang kann man sicher verschiedener Meinung sein. > Die sagen ganz klar: Von dem Gebiet verstehe ich nichts, > deswegen beurteile ich das nur nach den Ergebnissen. Das kann im Kleinen eine sinnvolle Einstellung sein, aber im Großen gibt es einfach zu wenig Fälle, die man beurteilen könnte. Aus der Geschichte kann man nicht viel lernen, weil immer unbekannt ist, was bei einer anderen Entscheidung passiert wäre. Nur wo es schon genügend ähnliche Fragestellungen mit unterschiedlichen Lösungen gegeben hat, kann das funktionieren, z.B. wenn Gemeinden ihre Konzepte für irgendwas nach dem Erfolg vergleichen. |

Ralf Arnemann
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 14:12 Uhr: | |
@c07: > Andererseits kann, soll und muss Politik auch Realitäten schaffen und > ist insofern immer realitätsnah. Natürlich hat Politik immer reale Auswirkungen. Aber inzwischen könnte man fast sagen, daß es die Ausnahme ist, wenn die Akteure die Auswirkungen ihrer politischen Arbeit auch nur halbwegs korrekt einschätzen können. Zuviele Gesetze werden gemacht, mit denen der eigentliche Zweck überhaupt nicht, dafür aber einige ungewollte Nebenwirkungen erreicht werden. Was dann oft Grund für neue, zusätzliche Gesetze ist, die ähnlich daneben gehen. > Das kann im Kleinen eine sinnvolle Einstellung sein, aber im Großen > gibt es einfach zu wenig Fälle, die man beurteilen könnte. Aus der > Geschichte kann man nicht viel lernen, weil immer unbekannt ist, was > bei einer anderen Entscheidung passiert wäre. Das ist richtig. Aber auch schon wieder zu akademisch. Eine ganz primitive Vorgehensweise der Art "Wenns mir gut geht, wähle ich die Regierung wieder, wenn nicht, wechsele ich zur Opposition" ist in Summe über die Wahlberechtigten gar nicht so schlecht. Da wird zwar häufig die Kausalbeziehung zwischen Qualität der Regierungsarbeit und konkreter Auswirkung auf das persönliche Wohlergehen nicht stimmen. Aber im Schnitt wird das vielleicht eher zu vernünftigen Wahlergebnissen führen als wenn Leute eine Partei wählen, weil sie ihnen aus verquasten Überbau-Überlegungen geeignet erscheint. |

c07
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 15:13 Uhr: | |
Ralf: > "Wenns mir gut geht, wähle ich die Regierung wieder, wenn nicht, wechsele ich zur Opposition" Das erfordert aber ein 2-Parteien- oder zumindest 2-Blöcke-System, in der Regel also ein Mehrheitswahlsystem. Natürlich vereinfacht so was einiges, aber der Preis ist mir zu hoch. Opposition können bei uns glücklicherweise sehr verschiedene Parteien gleichzeitig sein. |

Nimreem
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 15:33 Uhr: | |
@ Ralf, Eine ganz primitive Vorgehensweise der Art "Wenns mir gut geht, wähle ich die Regierung wieder, wenn nicht, wechsele ich zur Opposition" ist in Summe über die Wahlberechtigten gar nicht so schlecht. Würde aber, wenn jeder nur auf sich schaut, zu einer 2/3-tel Gesellschaft führen. Wie es dem letzten Drittel dann geht, das sich ja nie die Mehrheit erzielt, ist dann wurscht. |

Ralf Arnemann
| | Veröffentlicht am Donnerstag, 03. April 2003 - 16:42 Uhr: | |
@c07: Die Grundsatzentscheidung ist doch meistens erst einmal: Weitermachen oder Wechsel. Welche Regierungs- oder Oppositionspartei dann den Zuschlag bekommt, ist dann für viele Leute die zweite Entscheidung. @Nimreem: Theoretisch könnte das so passieren, aber ich halte das nicht für realistisch. Schließlich ist diese "Schlicht-Methode" auch nicht die, die ich als alleinige Richtschnur für alle Wähler gut fände. Ich halte diesen pragmatischen Ansatz nur für besser als so manche (vor allem akademische) Luftnummer, bei der die Leute nach abstrakten theoretischen Überlegungen eine Wahlentscheidung treffen und dabei ignorieren, daß sie bisher real schlecht mit dieser Option gefahren sind (und meist kommen sich diese Leute noch besonders schlau vor, weil sie meinen das "System" durchschaut zu haben). Besser als beide Ansätze ist selbstverständlich die Wahlentscheidung nach demokratischer Ideallehre, bei der man gut informiert und nüchtern abwägt und für jede Wahl neu entscheidet. Man wird aber nie hoffen können (trotz zunehmender höherer Bildung), daß sich ein größerer Prozentsatz der Wähler so verhalten wird. Noch schlechter als alle drei genannten Ansätze ist das Verhalten mancher Stammwähler, die blind nur ankreuzen, was die Familie schon immer gewählt hat, und die auch dem berühmten Besenstiel in jeweiliger Parteifarbe ihr Vertrauen schenken würden. Auch die gibt es wohl in allen Bildungsschichten. |
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