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Altes britisches Wahlrecht

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Frank Schmidt
Veröffentlicht am Freitag, 13. September 2002 - 23:46 Uhr:   

@Thomas Frings:
Das alte britische Wahlrecht, in dem der Bürger meist zwei Stimmen für zwei Abgeordnete hatte, führte nicht unbedingt zu einem verstärkten Mehrheitswahlrecht.

Es ist nämlich keineswegs immer so, dass eine Partei zwei Kandidaten aufstellt und die Anhänger dann beide wählen. Gegen eine solche Konstellation können sich dann die Zweit- und Drittplatzierten zu einer Allianz zusammenschließen und jeweils einen Kandidaten aufstellen.

Dort, wo die stärkste Partei immer noch gewinnt, kriegt sie natürlich zwei Abgeordnete ins Parlament. Anders dort, wo die Allianz die Mehrheit hätte.

Hätte die stärkste Partei dort immer noch zwei Kandidaten im Rennen, könnten Allianzabweichler einen von ihnen wählen und möglicherweise so einem oder beiden zur Mehrheit verhelfen - deswegen wird die Allianz ihren Anhängern dieses Risiko deutlich machen, und beide Kandidaten durchbringen.

Hat die stärkste Partei dagegen nur noch einen Kandidaten im Rennen, können die Wähler beide Abgeordneten nach erster und zweiter Präferenz wählen, wodurch der Kandidat der Partei in der Mitte und der stärkere der beiden Anderen wohl gewählt werden.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Samstag, 14. September 2002 - 18:00 Uhr:   

Theoretisch ist das teilweise einsichtig, nur in der Praxis wird das nicht funktionieren. Angenommen die CDU ist mit Abstand stärkste Partei im Wahlkreis und SPD u. Grüne bilden eine Allianz. Dann werden bei weitem nicht alle SPD-Wähler auch für den Grünen-Kandidaten stimmen, da viele SPD-Wähler die Grünen nicht sonderlich mögen (und analog viele CDU-Anhänger die FDP nicht). Der Kandidat des kleineren Partners wird fast immer deutlich weniger Stimmen bekommen als der des größeren. Hier im Beispiel könnten die SPD-Wähler z.B. auch nur eine Stimme abgeben oder einen der CDU-Kandidaten unterstützen. Und damit ist das Risiko für die dominierende Partei minimal, gar kein Mandat zu bekommen. Die hat außerdem nicht den geringsten Vorteil davon, nur einen Kandidaten aufzustellen. Daher wird sie immer mit zwei Kandidaten antreten und diese in aller Regel auch beide durchbekommen. Ausserdem ist es in Mehrmannwahlkreisen leichter möglich, lokale Hochburgen der zweitstärksten Partei zu neutralisieren, was den Effekt der Mehrheitswahl wieder verschärft.
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Frank Schmidt
Veröffentlicht am Sonntag, 15. September 2002 - 00:49 Uhr:   

Ich ging bei meinen Ausführungen von 3 Parteien aus (wie es sie in GB gibt: Labour, LibDem, Tories).

Beim deutschen Durchschnittswahlkreis mit FDP und Grünen im einstelligen Bereich sieht das ganz anders aus. Hier wird die zweitstärkste Partei nicht auf den zweiten Kandidaten verzichten. Mindestens einer wird ein Kompromisskandidat sein, der dann beim politischen Gegner um Stimmen wirbt. Unentschiedene Wähler der Mitte könnten dann den beiden Kandidaten beider Seiten, die der Mitte näher standen, zum Sieg verhelfen.
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Fragender?
Veröffentlicht am Sonntag, 01. August 2004 - 17:42 Uhr:   

Warum sollte ich jemanden wählen, der nicht der von mir präferierten Partei angehört? Ein Wahlsystem mit relativer Mehrheitswahl wird also im Regelfall dazu führen, daß die Kandidaten der relativen Mehrheitspartei auch durchgewählt werden, nur halt zwei statt einer.

Wer das bezweifelt, der gucke sich mal die Ergebnisse der Hamburger Bürgerschaftswahl 1946 an. Jeder Wähler hatte vier Stimmen. Es gab 20 Wahlkreise in denen je vier Kandidaten zu wählen waren, die vier Kandidaten mit den meisten Stimmen waren gewählt. Der Überhang jedes gewählten Kandidaten vor dem Fünftplatzierten sowie die Stimmen der gescheiterten Kandidaten kamen auf ein Parteikonto, aus dem dann noch einmal 30 Kandidaten nach D'Hondt gewählt wurden. Folge 1: In 19 der 20 Wahlkreise wurden entweder vier SPD oder vier CDU Kandidaten gewählt. Nur in einem Wahlkreis gab es je zwei SPD- und CDU-Mandate, dort lage aber auch der beste Kandidat weniger als 200 Stimmen vor dem achtplatzierten, CDU und SPD waren also quasi gleichstark, die Grenze zwischen Platz vier und fünf betrug unter 20 Stimmen (die genauen Stimmenzahlen weiß ich nicht mehr, die hatte ich vor Jahren mal im Amtlichen Anzeiger der FHH nachgeschlagen). Folge 2: Die FDP errang bei ca. 18% der kumulierten Stimmen nur 7 die KPD mit ca. 10% nur 4 der 110 Sitze, weil beide keine Chance auf ein Direktmandat hatten. SPD hingegen erzielte mit gut 40% der Stimmen 81 Mandate.

Es hat sich also bereits praktisch bewiesen, daß dieses Wahlsystem das Mehrheitswahlrecht nicht abschwächt, sondern verstärkt, weil räumlich kleine Hochburgen der zweit- oder drittstärksten Partei einer Partei, die sonst einen eigenen Wahlkreis bilden würden, in der so verringerten Anzahl von Wahlkreisen in dem großen Umfeld der Mehrheitspartei untergehen und nicht zum Tragen kommen.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Montag, 02. August 2004 - 00:32 Uhr:   

@Fragender:
Ein so lange zurückliegender Fall taugt wohl nur sehr bedingt als Beweis, auch wenn die Ausführungen grundsätzlich richtig sind. Die Parteien hätten bei Beibehaltung des Wahlrechts auch dazulernen können. In NRW und Schleswig-Holstein gab es 1950 ja auch Wahlabsprachen im bürgerlichen Lager und in Hamburg 1949 und 1953 einen Bürgerblock, ebenso 1951 in Niedersachsen, dort aber mit wenig Erfolg. Übrigens gab es damals im Hamburg 21 WAhlkreise und 76 Direktmandate bekam die SPD, die CDU 8, die o.g. Zahlen können also so nicht stimmen.
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Fragender (Unregistrierter Gast)
Veröffentlicht am Donnerstag, 05. April 2007 - 11:52 Uhr:   

@Thomas Frings
Ja sorry, ich hatte einen Wahlkreis übersehen (und dann vier Listenmandate zuviel berechnet), nämlich genau den Zweiten mit einem 2:2 (aber eben auch ein zutiefst bürgerlicher Wahlkreis bei dem dann CDU und SPD praktisch gleich waren).

Also nochmal:
17* SPD vor CDU = 68 SPD-Abgeordnete
1* SPD vor FDP = 4 SPD-Abgeordnete
1* CDU vor SPD = 4 CDU-Abgeordnete
2* SPD und CDU nahezu gleichauf = je 4 SPD- und CDU-Abgeordnete
dazu kamen 26 Abgeordnete über den Verhältnisausgleich.

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