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Sitzverteilung nach d'Hondt

Wahlrecht.de Forum » Wahlsysteme und Wahlverfahren » Sitzzuteilungsverfahren: Hare/Niemeyer, d’Hondt etc. » Sitzverteilung nach d'Hondt « Zurück Weiter »

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Crizzler
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 14:25 Uhr:   

Hallo,

Wären die beiden gewonnenen Direktmandate der PDS bei der Bundestagswahl 2002 nach d'Hondt Überhangmandate oder nicht?


Crizzler
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 15:16 Uhr:   

Die beiden PDS-Mandate waren (und sind) Überhangmandate, weil die Partei selber unter 5% geblieben ist und damit keinen Anspruch auf Listenmandate hatte.
Mit d'Hondt oder generell der Verteilung der Listensitze auf die Parteien über 5% hat das nichts zu tun.
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Crizzler
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 16:08 Uhr:   

Nach Hare/Niemeyer waren die beiden PDS-Mandate keine Überhangmandate!
Da sind sie falsch informiert. Meine Frage ist ja nicht was d'Hondt mit Hare/Niemeyer zu tun hat, sondern zu welcher Sitzverteilung das Ergebnis der Bundestagswahl 2002 nach d'Hondt geführt hätte und das hat sicher etwas mit d'Hondt zu tun.
Trotzdem Danke für die Bemühungen.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 16:12 Uhr:   

Nach Hare/Niemeyer waren die beiden PDS-Mandate keine Überhangmandate!

Nochmal zum Mitschreiben: Der PDS stehen nach Zweitstimmen genau null Mandate zu, weil sie weder 5% noch drei Direktmandate hat. Da ist das Verrechnungsverfahren egal.
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Matthias Cantow
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 17:10 Uhr:   

Als Überhangmandate würde ich die PDS-Mandate auch nicht bezeichnen, aber so etwas ist eine reine Definitionsfrage und da war man sich ja nicht einmal im 2. Senat des Bundesverfassungsgerichts einig.

@Crizzler
Mit der Software aus meinem vorhergehenden Beitrag hättest Du das Ergebnis schon. Da ich BAZI nicht dabei habe, habe ich das mal (ohne Gewähr) berechnet und das Zwischenergebnis ist:

Oberverteilung
CDU 190
CSU 57
SPD 247
Grü 55
FDP 47
-------
596

(also kein Unterschied zur selben Berechnung nach Hare/Niemeyer bis hier)
+ außerhalb der Oberverteilung

PDS 2

jetzt musst Du (nur ,-) noch testen, ob sich bei der Unterverteilung an die Länder im Vergleich zu Hare/Niemeyer bei einigen Ländern mehr oder weniger Listenmandate ergeben haben, so dass es evt. zu weniger bzw. mehr nicht anrechenbaren Direktmandaten kommt (von vier Richtern des BVerfG in BVerfGE 95, 335 Überhangmandate genannt), so dass durch die höhere Zahl anrechenbarer Direktmandate weniger Listenmandate bzw. dadurch die niedrigere Zahl anrechenbarer Direktmandate mehr Listenmandate insgesamt zugeteilt werden (von den anderen vier Richtern des BVerfG in BVerfGE 95, 335 Überhangmandate genannt). Nach Sainte-Laguë bekommt die CDU übrigens insgesamt ein Mandat mehr.
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Crizzler
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 18:35 Uhr:   

Danke, ich habe das identische Ergebnis herausgehabt, jetzt weiß ich das meine Analyse auf der richtigen Grundlage basiert, Danke!
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Bernhard Nowak
Veröffentlicht am Montag, 14. März 2005 - 18:55 Uhr:   

Die PDS-Mandate sind in jedem Falle "nicht-verrechenbare" Direktmandate. Sie sind deshalb nicht verrechenbar, weil der Zweitstimmenanteil unter der Sperrklausel, also bei 0 ist. Aus meiner Sicht sind es Überhangmandate, da ja laut Zweitstimmenanteil 0 Mandate zustünden und 2 Mandate "über-hängen" aber dies wurde in anderen Threads hier in www.wahlrecht.de ausführlich diskutiert.
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Clovis
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2005 - 12:26 Uhr:   

Guten Tag!

Die jüngste Wahl in Schleswig-Holstein hat aus meiner Sicht ein Problem zu Tage gefördert, dass mit der Rundungsfrage bei Verhältniswahlen zusammenhängt. Bekanntlich hat der Block aus SPD, Grünen und SSW insgesamt über 20.000 Stimmen mehr erhalten, als der Block aus CDU und FDP. Das entspricht ungefähr dem Stimmen/Sitz Verhältnis für den neuen S.H. Landtag, daher bildet die Sitzverteilung im Landtag auch die Stimmenmehrheit der Blöcke ab.

Es wäre aber nach dem geltenden d'Hontschen Verfahren möglich gewesen, mit 743 zusätzlichen Stimmen für die FDP, dieses Mehrheitsverhältnis umzukehren, weil dann die SPD einen Sitz weniger und die FDP einen mehr erhalten hätte und das obwohl diese Landtagsmehrheit nach wie vor ca. 20.000 Stimmen weniger als die Landtagsminderheit gehabt hätte. Da aber das genaue Zahlenerhältnis zwischen den verschiedenen Parteien politisch weniger wichtig ist, als die Mehrheiten der Blöcke wäre ein solches Ergebnis unbefriedigend gewesen (natürlich nicht aus politischen Gründen, sondern aus systematischen).

Andere Verfahren wie Hare-Niemeier hätten übrigens die Stimmenmehrheit richtig abgebildet, aber es stellt sich natürlich die Frage, ob sie das immer tun. Allgemein kann man bei N Parteien, die in einem Parlament vertreten sind, diese auf 2N verschiedene Arten in Lager aufteilen. Wie ich in diesem Forum gelernt habe, gibt es bei manchen Parlamenten eine Mehrheitsklausel, die besagt, dass eine Partei, die die absolute Mehrheit der Zweitstimmen hat auch eine absolute Mehrheit der Sitze bekommen muß. Eine solche Mehrheitsklausel könnte man so verallgemeinern, daß für alle 2N Lageraufteilungen die Parlamentsmehrheiten mit den Stimmenmehrheiten übereinstimmen müssen.

Die Frage ist, ob es ein Sitzverteilungsverfahren gibt, dass immer Mehrheitstreu im obigen Sinne ist. Zunächst ist offensichtlich, dass dieses Problem öfters auftritt, je kleiner das Parlament(oder der Ausschuß) und je größer die Anzahl der Fraktionen ist. In den deutschen Parlamenten ist das Verhältnis zwischen Fraktionen und Sitzen so, dass eine Erfüllung der Mehrheitstreue leicht durch heuristische Zusatzregeln erreichbar wäre. Zum Beispiel könnte man die Regel einführen, dass derjenigen Partei in dem Lager mit Sitzmehrheit ohne Stimmenmehrheit, die das kleinste Stimmen/Sitz Verhältnis aufweist, ein Sitz abgenommen wird und derjenigen Partei im Gegenlager zugeschlagen wird, die das höchste Stimmen/Sitz Verhältnis hat. Das wird so lange wiederholt, bis die Parlamentsmehrheit kippt.

Bei Ausschussbesetzungen, die ja wiederrum dem Verhältnis der Fraktionsstärken entsprechen sollte, könnte aber das Problem der Mehrheitstreue bei vorgegebener, zu kleiner Ausschußgröße deutlich häufiger auftreten. Vielleicht gibt es aber ein Verfahren, bei dem mit vorgegebener Anzahl von N Fraktionen und vorgegebenen Verhältnissen der Fraktionsstärken eine Mindestausschußgröße festgelegt wird, die eine mehrheitstreue Abbildung ermöglicht.

Jetzt aber bin ich erstmal gespannt auf die Kommentare und Erläuteruungen der hiesigen Wahlverfahrensexperten.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit,
Clovis Sangrail
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sebu
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2005 - 12:56 Uhr:   

Das ergaebe bei 3 Parteien A,B,C 2^3 = 8 Lageraufteilungen in Mehrheit und Minderheit, ich komme aber nur auf A-BC, AB-C und AC-B und bin somit verwirrt.
Mehrheitsabbildung oder nicht war kürzlich bei der Besetzung der Bundestagsbank im Vermittlungssausschuss strittig.
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Matthias Cantow
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2005 - 13:40 Uhr:   

@Clovis
„Die Frage ist, ob es ein Sitzverteilungsverfahren gibt, dass immer Mehrheitstreu im obigen Sinne ist.“

Ohne Modifikation (Mehrheitsklausel) nicht.

Meiner Ansicht nach stellt man ohnehin zu hohe Anforderungen an ein Zuteilungsverfahren (ohne Modifikation), dieses kann nur die Proportionalität gewährleisten, schon das Durchsetzen der Einhaltung der Mehrheitsbedingung (Mehrheit für eine Liste/Partei) kann zu Verzerrungen der Proportionalität (egal welchen Maßstab man verwendet) führen. Man schaue sich nur die Proportionalität des Wahlergebnisses in Schlesig-Holstein durch die Verwendung von d’Hondt an.

„Vielleicht gibt es aber ein Verfahren, bei dem mit vorgegebener Anzahl von N Fraktionen und vorgegebenen Verhältnissen der Fraktionsstärken eine Mindestausschußgröße festgelegt wird, die eine mehrheitstreue Abbildung ermöglicht.“

In den Fällen, in denen ein Organ die Ausschussgröße bestimmen kann, wird es auch regelmäßig getan (im Bundestag etwa unter Verwendung des erfolgswertoptimalen Sainte-Laguë).

In den Fällen mit festen Sitzzahlen (und vor allem geraden) ist das nicht ohne modifizierende Mehrheitsklausel möglich, daher auch der von sebu angeführte Hinweis auf den Streit um die Sitzverteilung im Vermittlungsausschuss.
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Clovis
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2005 - 14:18 Uhr:   

Guten Tag!

Sebu: "... ich komme aber nur auf A-BC, AB-C und AC-B und bin somit verwirrt."

Ich habe für jede Partei zwei Möglichkeiten (z.B. 0 & 1) angenommen und dann beliebige Kombinationen zugelassen, wobei 0 und 1 die Blöcke unterscheidet. Das zählt natürlich etliche triviale Fälle mit, z.B. alle Parteien in einem Block, keine im anderen. Außerdem wird der Fall AB-C vom Fall BA-C unterschieden, die natürlich äquivalent sind. Man kann sicher geschickter zählen, aber so sind sicher alle Fälle dabei und für die geschickte Formel war ich zu faul :o)

Matthias Cantow: "erfolgswertoptimalen Sainte-Laguë"

Gibt's davon irgendwo eine Beschreibung?

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit,
Clovis Sangrail
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Matthias Cantow
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2005 - 14:44 Uhr:   

@Clovis
„Gibt's davon irgendwo eine Beschreibung?“

Von dem Verfahren? Klar: Sainte-Laguë, ansonsten zu empfehlen etwa
- Klaus Kopfermann, Mathematische Aspekte der Wahlverfahren, Mannheim 1991
oder
- Friedrich Pukelsheim, Mandatszuteilungen bei Verhältniswahlen: Erfolgswertgleichheit der Wählerstimmen (AStA 84 [2000], 447).
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sebu
Veröffentlicht am Samstag, 09. April 2005 - 10:53 Uhr:   

Hab' die passenden Zahlen gefunden, mit denen man geschickter zaehlen kann - Striling-Zahlen zweiter Art, die deutl. kleiner als 2^N sind, z. B. fuer 7 Parteien gaebe es demnach 63 Moeglichkeiten, statt 2^7=128 - eine erhebliche Vereinfachung, wenn man alle Moeglichkeiten ausrechnen will.
Ich bezweifle, dass es ein Verfahren gibt, das jede moegliche Mehrheit / Minderheit abbilden kann, und wenn doch, waere es vermutlich so komplex, dass es niemand mehr nachvollziehen kann.
Wichtig ist, wie auch Matthias Cantow schon geschrieben hat, dass der Waehlerwille moeglichst proportional umgesetzt wird - und das leistet die Methode von Sainte-Lagu"e. Bei der Sitzzuteilung ist daher eine Mehrheitsabbildung nicht noetig, das Wahlergebnis sollte moeglichst unverzerrt abgebildet werden. Dies ist nun 'mal das Problem der Verteilungsrechnung.

@Clovis:
"Gibt's davon irgendwo eine Beschreibung?"
eine Ergaenzung zur Literatur: Michel Louis Balinski / Hobart Peyton Young: Fair Representation – Meeting the Ideal of One Man, One Vote. New Haven CT, 1982. Second Edition (with identical pagination): Washington DC, 2001
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Kai
Veröffentlicht am Sonntag, 10. April 2005 - 18:30 Uhr:   

@Clovis/Sebu:

Der Ansatz 2n ist schon nicht schlecht, wenn jede Partei in der Tat entweder Opposition oder Koalition angehören soll. Da jedoch egal ist, welches Lager jetzt Opposition und welches Koalition ist (bzw. das davon abhängt, wo 50 % der Stimmen erreicht sind), muss das Ergebnis durch 2 geteilt werden. Dann ist noch der Fall auszuschließen, dass alle Parteien einem Lager angehören.

Die Formel ist daher 2n-1-1.

Während die Mehrheitsklausel bei zwei Parteien, bzw. dann, wenn eine Partei alleine die Mehrheit hat, funktioniert, ist eine Eindeutigkeit bei 4 Parteien schon nicht mehr gegeben:

Beispiel bei 4 Parteien (und demnach 7 Möglichkeiten)

A 266 Stimmen
B 254 Stimmen
C 248 Stimmen
D 232 Stimmen

13 Sitze sind zu vergeben.

Eine Stimmmehrheit hätten

AB
AC
BC
ABC
ABD
ACD
BCD

Partei D ist für die Mehrheitsbildung keinesfalls relevant.

Daher müssten A, B und C, jeweils paarweise mindestens 7 Sitze bekommen.

Die Sitzverteilung wäre daher zwingend:

A=4
B=4
C=3
D=2.

Ich halte es für mathematisch ausgeschlossen, A oder B einen 4. Sitz zuzuweisen, solange D noch keinen 3. hat, da D mehr als 3/13 der Stimmen erhalten hat.
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Clovis
Veröffentlicht am Donnerstag, 14. April 2005 - 10:24 Uhr:   

Guten Tag!

Erstmal besten Dank für die Literaturtipps. Nachdem ich die Website von Friedrich Pukelsheim überflogen habe, bin ich davon überzeugt, dass Sainte-Laguë mehrheitstreuer ist, als d'Hont. Allerdings zeigt das äußerst instruktive Beispiel von Kai, dass auch Sainte-Laguë nicht immer mehrheitstreu ist obwohl es eine mehrheitstreue Mandatszuteilung gäbe. Das Beispiel zeigt leider auch, dass der von mir ad hoc vorgeschlagene Algorithmus nicht funktioniert. Dies hier

"derjenigen Partei in dem Lager mit Sitzmehrheit ohne Stimmenmehrheit, die das kleinste Stimmen/Sitz Verhältnis aufweist, ein Sitz abgenommen wird und derjenigen Partei im Gegenlager zugeschlagen wird, die das höchste Stimmen/Sitz Verhältnis hat. Das wird so lange wiederholt, bis die Parlamentsmehrheit kippt."

führt bei wiederholter Anwendung dazu, dass ausgehend von der Sainte-Laguë-Verteilung A=4, B=3, C=3, D=3 das 13. Mandat zwischen A und B hin und her getauscht wird, ohne die Lösung zu finden. Man müßte also, wenn Sainte-Laguë keine mehrheitstreue Zuteilung liefert, alle möglichen Mandatsaustausche (Binomialkoeffizient n über 2) ausprobieren, um die Lösung zu finden.

Klar ist auch, dass Sainte-Laguë immer mehrheitstreuer wird, je größer die Mandatszahl wird. In Kais Beispiel genügt es, die Mandatszahl auf 15 zu erhöhen, um die Sainte-Laguë-Zuteilung

A=4
B=4
C=4
D=3

mehrheitstreu zu machen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit,
Clovis Sangrail

P.S: Kai hat mich davon überzeugt, dass in der Tat die Stirlingschen Zahlen zweiter Art die geschickteste Zählung ist.
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Thomas Frings
Veröffentlicht am Donnerstag, 14. April 2005 - 16:21 Uhr:   

Kein Zuteilungsverfahren garantiert, daß eine Gruppe mehrerer Parteien, die zusammen auf die absolute Stimmenmehrheit kommen, auch die absolute Mandatsmehrheit hat. Nur wenn eine Partei die absolute Mehrheit hat und die Sitzzahl ungerade ist, kommt bei d'Hondt immer eine absolute Mehrheit raus.
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Philipp Wälchli
Veröffentlicht am Freitag, 15. April 2005 - 09:59 Uhr:   

Im Grunde dreht sich die ganze Sache um zwei Punkte:
1.) Es steht selten im voraus und auf ewige Zeiten fest, welche Parteien bzw. Listen zu welchem "Lager" gehören. Die deutsche FDP z. B. hat in der Bundespolitik zwei Mal ganz klar die Seiten gewechselt und damit einmal eine Mitte-Links-Regierung möglich gemacht und einmal eben diese wieder gestürzt.
2.) In jedem Gremium, das kleiner ist als die wählende Gesamtheit (wobei je nach Wahlrecht noch mehrere Stimmen pro wahlberechtigte Person hinzukommen, von denen nicht zwingend alle auch benutzt werden müssen), treten notwendig Rundungsverzerrungen auf. Je deutlicher das Ergebnis für eine Partei/Liste oder eine Koalition ausfällt, desto weniger fallen solche Verzerrungen ins Gewicht. Je knapper das Ergebnis, d. h. je geringer die Differenzen, desto stärker fallen diese Rundungsverzerrungen ins Gewicht. Nehmen wir an, zwei Lager seien fast gleich stark, nur wenige Stimmen gäben den Ausschlag. Nun könnte der Fall eintreten, dass durch die notwendigen Rundungsvorgänge das an sich nach Gesamtstimmenzahl schwächere Lager gerade noch einen "gerundeten" Sitz mehr erringt und somit die Mehrheit. Das dürfte in der Praxis zwar eher selten sein, es KANN dieser Fall jedoch eintreten.
Zu 1. ist zu sagen, dass man in der politischen Realität wohl kaum ein Verfahren finden dürfte, das jeder denkbaren Koalition die Mehrheit sichert. Dazu müsste man zuerst einmal im voraus wissen, wer zu welchem "Lager" gehört. Dann müsste man traditionell verteilen und anschliessend überprüfen, ob eines der Lager insgesamt die Stimmenmehrheit errungen hat und ob es dann auch die Sitzmehrheit erhält; wenn nicht, müsste man anfangen, die Sitze umzuverteilen. Wie gerade das jüngste Beispiel SH zeigt, ist es eben nicht immer so klar, wer nun zu welchem Lager gehört.
Um auch gegen den Fall vorzubeugen, dass eine Partei während der Legislatur das Lager wechselt, müsste man dann ggf. neu umverteilen und die Sitze während der Legislatur neu verteilen (da wäre aber politisch und sachlich gewiss eine vorgezogene Neuwahl sinnvoller, wozu es im allgemeinen in parlamentarischen Demokratien in solchen Fällen auch zu kommen pflegt) oder aber von jeder Partei/Liste verlangen, dass sie sich vor der Wahl offiziell für ein "Lager " registriert und davon bis zur nächsten Wahl nicht mehr abrücken darf. Das sind allerdings eher Methoden, die man sonst aus Diktaturen kennt, zudem ist es immer noch möglich, dass eine Fraktion im Parlament eine Sache unterstützt, die eigentlich ein anderes Lager will als das eigene.
Zu 2. ist zu sagen, dass man den Rundungsdifferenzen nicht wirklich beikommt. Bei einem Gremium mit fester Sitzzahl ist es schlicht unmöglich, Rundungsdifferenzen zu vermeiden. Falls zufällig ein Ergebnis herausschaut, das gemessen an der Sitzzahl nahe an einem "runden" Verhältnis liegt, dann sind die Differenzen minim, ansonsten können sie auch grösser ausfallen.
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Sitzzahl nach einem zu bestimmenden Algorithmus zu vermindern oder zu erhöhen, so dass sich die Rundungsdifferenzen verringern lassen. Oder aber man geht zur automatischen Methode über und vergibt für eine bestimmte Stimmenzahl ein Mandat - nur hat man dann für die Reststimmenzahlen, die nicht für ein Mandat reichen, nach wie vor das Rundungsproblem. Man kann die Methode noch weiter verfeinern, indem man nicht eine feste Stimmen-Mandatszahl zugrunde legt, sondern das optimale Stimmen-Sitz-Verhältnis jeweils neu berechnet, womit sich weiterer Spielraum ergibt, das Rundungsproblem zu entschärfen.
GANZ los wird man die Rundungsdifferenzen jedoch nur, wenn jede Stimme 1:1 repräsentiert wird. Das ist z. B. der Fall bei einer Volksabstimmung, bei der einfach die Mehrheit aller Stimmen entscheidet. Oder es wäre dann der Fall, wenn man - wie in diesem Forum einmal vorgeschlagen - jedem Mandatsträger eine Stimmkraft gibt, die genau der Anzahl Stimmen, die er erhalten hat, entspricht - was allerdings nicht dem Sinn parlamentarischer Arbeit entspricht.
M. a. W. ist es mathematisch unmöglich, eine Verteilung ganzer Mandate zu finden, die jeder erdenklichen Konstellation entspricht.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Montag, 18. April 2005 - 14:51 Uhr:   

@Philipp:
Grundsätzliche Zustimmung zu allen Deinen Ausführungen. Dazu kommt noch das Argument, daß Parteien und Listen ja nur Hilfsmittel sind, die eigentlichen Entscheidungsträger sind die Parlamentarier.
Die dürfen z. B. auch mit ihrem Mandat die Fraktion wechseln - damit würde man jedes Verfahren über den Haufen werfen.

Allerdings beruhen alle diese Rundungsprobleme darauf, daß aus historischen (und praktischen Gründen des Vor-Computer-Zeitalters) alle Abgeordneten gleiches Stimmgewicht haben.

Man entkäme allen diesen Problemen,
> wenn man - ... - jedem Mandatsträger eine Stimmkraft gibt,
> die genau der Anzahl Stimmen, die er erhalten hat, entspricht
Das wäre mit modernen Abstimmungssystemen im Parlament leicht machbar.

Und würde jede mögliche Wählermehrheit getreulich abbilden.
Und der "Sinn parlamentarischer Arbeit" bliebe auch gewahrt, das wären ganz eigenständige Volksvertreter.
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Philipp Wälchli
Veröffentlicht am Montag, 18. April 2005 - 20:58 Uhr:   

Nun ja, in der "Aktionärsdemokratie" ist es ja schon so. Da kann in einem Saal eine ganze Menge Volk sitzen, dann wird abgestimmt und Anwalt XY steht auf und legt seinen Schein in die Urne, und dieser wiegt dann gleich mal 65% aller Aktien-Stimmrechte.
Nur ist eine Aktiengesellschaft nicht eine wirkliche Demokratie, sondern unterliegt einer Reihe gesetzlicher Beschränkungen und dem statutarischen Zweck usw.
Und die Frage ist natürlich auch die, wie ein solches Parlament, in dem die Abgeordneten ungleiches Stimmgewicht hätten, aufgenommen wird. Man stelle sich einen Ausschuss vor, in dem zwei "gewichtige" Abgeordnete neben einer Reihe "Zwergen" sitzt; dann suchen sie nach einer Lösung und debattieren "frei" - aber am Ende geben die beiden "Riesen" so oder so den Ausschlag.
Ich stimme zu, dass dies machbar wäre, die Frage stellt sich allerdings, ob es sinnvoll, wünschbar und durchsetzbar sei. Die gesamte parlamentarische Tradition ist von dem Grundsatz durchzogen, dass die Abgeordneten gleichgestellt seien. Eine Abstufung des Stimmrechts würde diesen Grundsatz nicht unerheblich durchbrechen.
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Ralf Arnemann
Veröffentlicht am Dienstag, 19. April 2005 - 10:57 Uhr:   

@Philipp:
So weit wollte ich nicht gehen!
Es ist im Prinzip schon sinnvoll, daß die Abgeordneten ungefähr gleichrangig zusammenarbeiten und mehr durch ihre Arbeit und ihre Überzeugungskraft im Parlament wirken als durch ein großes "Aktienpaket" im Rücken.

Mir ging es nur Stimmgewichtsunterschiede in der Größenordnung der normalen Rundungsproblematik.
D.h. man verteile die Mandate nach einer der normalen Methoden - aber jeder Abgeordnete ist nur so viel an Stimmen wert, wie er auch wirklich für sein Mandat bekommen hat.
Damit ist automatisch gewährleistet, daß jede Wählermehrheit auch exakt im Parlament abgebildet ist.
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Sören Appel
Veröffentlicht am Freitag, 20. Mai 2005 - 15:08 Uhr:   

Hallo alle Forumsmitglieder!

Ich hab eine Bitte an euch?
Ich muss eine GSL(Jahresarbeit) in Mathe machen über das Wahlverfahren nach d'Hont und Hare/Niemeier.
Und nun zu meiner Bitte, hat einer von euch Materialien zu diesem Thema? Weil es sich als sehr schwierig herausgestellt hat zu diesem Thema etwas zu finden! Also wenn ihr dazu was habt dann schickt es mir bitte!

Im voraus schonmal ein Dankeschön!!!!!
Sören
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sebu
Veröffentlicht am Freitag, 20. Mai 2005 - 15:15 Uhr:   

Eine sehr erschoepfende Literaturliste zu Proportional Representation
http://www.math.uni-augsburg.de/stochastik/bazi/literature.html
und in Englisch
http://www.mtholyoke.edu/acad/polit/damy/prlib.htm

Besonders empfehlenswert aus mathematischer Sicht: Balinski / Young: Fair Representation, Neuauflage 2001 und Kopfermann: Mathematische Aspekte der Wahlverfahren – Mandatsverteilung bei Abstimmungen, 1991

Fuer einen einfuehrenden Ueberblick findet sich einiges bei
http://www.math.uni-augsburg.de/stochastik/pukelsheim/publikationen.html

Vergnuegliche Lektuere!
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Sören Appel
Veröffentlicht am Mittwoch, 08. Juni 2005 - 19:03 Uhr:   

Merci vielmals

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